„Der Krebs soll mein Leben nicht beherrschen“

© Foto: Esther Haase

Uta Melle hatte Brustkrebs – wie sie erkranken in Deutschland rund 70.000 Frauen jährlich am Mammakarzinom. Uns erzählt Melle, warum sie ihre Brust nach der Entfernung des Tumors nicht wiederaufbauen ließ und wie die Erkrankung die Beziehung zu ihrem Mann verändert hat.

Redaktion: Du bist Trägerin des BRCA2-Gens – wie die Schauspielerin Angelina Jolie. Was bedeutet BRCA2?

Uta Melle: Das Kürzel steht tatsächlich für BReast CAncer, also Brustkrebs. Das Gen BRCA besitzt jedoch jede Frau. Bei mir ist es allerdings mutiert. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit Brustkrebs zu entwickeln, lag bei mir von Geburt an bei rund 80 Prozent.

Wusstest du das, als dein Arzt im Jahr 2010 einen Tumor in deiner rechten Brust diagnostizierte?

Meine Mutter ist drei Tage nach meiner Diagnose an Brustkrebs gestorben. Ich wusste also, dass ich familiär vorbelastet bin. Nach der Diagnose entschied ich mich deshalb direkt für die beidseitige Masektomie. Danach folgte die Port-Katheter-Implantation, dann die Chemotherapie. Erst nachdem ich das überstanden hatte, machte ich den Gentest.

Um eine zweite Brustkrebserkrankung zu vermeiden?

Ja. Das Risiko war mir einfach zu groß – schließlich habe ich zwei Kinder.

„Nehme ich Silikon oder doch lieber Bauchfett für die Brustrekonstruktion?“

Warum wolltest du keinen Wiederaufbau?

Ich kam mit einem fehlgebildeten Nierenbecken auf die Welt. Außerdem bin ich Epileptikerin. Ich war also froh, als ich Therapie und Mastektomie einigermaßen gut überstanden hatte. Einen Wiederaufbau wollte ich meinem Körper nicht auch noch antun.

Du hast dich also aus gesundheitlichen Gründen so entschieden?

Auch, wenn ich fitter gewesen wäre, hätte ich mich vermutlich dagegen entschieden. Ist die Brust erst mal ganz weg, lässt sie sich nicht einfach wiederaufbauen und fertig. Zunächst wird dir dort, wo die Brust war, ein Expander, also ein Silikonbehälter eingesetzt. Um die Haut zu dehnen, lassen die Ärzte jede Woche mehr Kochsalzlösung in ihn hineinlaufen. Dann stellt sich die Frage nach dem Material: Silikon oder doch lieber Bauchfett? Manche Frauen entscheiden sich auch dafür, die Brust mit Teilen des Rückenmuskels rekonstruieren zu lassen. Nach Chemotherapie und Mastektomie war mir diese Prozedur einfach zu viel.

Wie fühlt es sich für dich an, keine Brüste mehr zu haben?

Anfangs natürlich komisch. Besonders an mein Spiegelbild musste ich mich erst gewöhnen.

In einem Interview sagtest du, dass dir dabei auch ein Fotoshooting geholfen hat.

Stimmt. Das Shooting habe ich zu meinem 40. Geburtstag, also noch vor der Erkrankung, geschenkt bekommen und es brachte mich auf die Idee, mich auch nach der Operation fotografieren zu lassen. Ich wollte sehen, wie ich ohne Brüste aussehe.

Und?

Anders, aber dennoch gut. Diese Erkenntnis gab mir Selbstbewusstsein und half mir, die Entscheidung gegen den Wiederaufbau durchzuziehen.

 

Auch die Eierstöcke mussten weg

Hast du die Entscheidung gegen die Brustrekonstruktion gemeinsam mit deinem Mann getroffen?

Dass ich mir beide Brüste abnehmen lasse, stand für mich außer Frage. Dass ich dann so bleibe, haben wir zusammen entschieden. Als ich ihm die Bilder vom Fotoshooting zeigte, war allerdings eh schnell klar, dass er nichts dagegen haben wird.

Wie hat sich eure Beziehung durch die Erkrankung verändert?

Wir reden viel mehr, kochen öfter, machen mehr Ausflüge, mit den Kindern – mehr Erlebnisurlaube.

Fotoband: „Amazonen. Das Brustkrebs-Projekt von Uta Melle“

In dem Bildband „Amazonen. Das Brustkrebs-Projekt“ zeigt Uta Melle Aktfotografien von Frauen mit Brustkrebs. Die Bilder zeigen die Narben, die fehlenden Brüste, die kahl gewordenen Köpfe und die Wunden, die die Krankheit in den Körper der Betroffenen geschlagen hat. Sie zeigen aber auch, wie selbstbewusst, stark und schön die Frauen nach wie vor sind – wie Amazonen eben. Fotografiert wurden die Porträts von Esther Haase und Jackie Hardt.

Das klingt sehr positiv.

Das ist es. Bis dorthin war es jedoch ein langer Weg. Das lag auch daran, dass ich nach der Erkrankung keine Lust mehr auf Sex hatte. Durch das BRCA2-Gen hatte ich auch ein erhöhtes Risiko für Eierstockkrebs. Im Gegensatz zu Brustkrebs ist dieser allerdings schlecht heilbar. Als ich dann meine Eierstöcke entfernen ließ, katapultierte mich das von einem Tag auf den anderen in die Wechseljahre. Mit Anfang 40 war meine Libido dahin – und zwar schlagartig.

Hat dich dein Arzt nicht darauf vorbereitet?

Doch, nur habe ich ihm nicht geglaubt. Ich und mein Mann hatten immer ein recht wildes Sexualleben. Dass ich irgendwann keine Lust mehr auf Sex haben würde, konnte ich mir einfach nicht vorstellen – ebenso wenig wie mein Mann. Dazu kam die Fatigue.

Du meinst die extreme körperliche Erschöpfung, die Frauen und Männer oft nach einer Krebserkrankung und Chemotherapie überkommt.

Die ist echt übel. Das Gemeine ist: Ich sah super aus. Nach der letzten Chemo kamen meine Haare wieder und durch das Kortison hatte ich einen fabelhaften Porzellan-Teint. Innerlich war ich jedoch völlig fertig und mein Körper war total ausgelaugt. Diesen Widerspruch muss man seinem Umfeld erst mal klarmachen. Außerdem wollte auch ich endlich mein normales Leben wiederhaben. Ich fing also an Listen zu schreiben, auf denen draufstand, was ich am kommenden Tag alles erledigen wollte. Am Abend fiel ich dann erschöpft ins Bett, die Liste sah noch genauso aus wie am Morgen und ich war enttäuscht von mir selbst.

 

Irgendwann ist es genug

Wie lange hielt die Fatigue bei dir an?

Mehrere Monate – wenn nicht sogar Jahre. Tatsächlich muss man bei diesem Erschöpfungssyndrom unheimlich aufpassen, dass es sich nicht zu einer Depression auswächst. Dadurch, dass ich mich zwang, trotz der vielen Rückschläge aktiv zu bleiben, blieb mir das zum Glück erspart.

Für den Stern hast du zwei Jahre lang über dein Leben nach der Brustkrebsdiagnose geschrieben. Warum hast du letztes Jahr damit aufgehört?

Meine Diagnose ist nun sieben Jahre her. Seitdem engagiere ich mich mit Fotoshootings, Vorträgen, Diskussionsteilnahmen, Gruppenarbeiten, Direkthilfe und Texten – alles ehrenamtlich. Irgendwann ist es genug. Der Krebs soll mein Leben nicht auf Dauer beherrschen.

Vermisst du deine Brüste manchmal?

Nicht wirklich. Manchmal sehe ich ein schönes Kleid und weiß: „Dieses Dekolleté kann ich nicht mehr tragen.“ Auch meine Brustwarzen vermisse ich manchmal. Aber das sind kurze Momente – die Entscheidung an sich bereue ich nicht.