Dicksein ist keine Krankheit

Dicksein ist keine Krankheit

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Gut jeder vierte Erwachsene in Deutschland ist laut Robert Koch-Institut (RKI) stark übergewichtig – und viele Betroffene werden diskriminiert. Nicht nur im Schwimmbad oder bei der Arbeit, sondern sogar von ihrem Arzt. Eine Ausgrenzung mit Folgen.

Es war der 11. September 2009. Linda Gruber* war mit ihren Eltern zu Hause, als sie plötzlich fürchterliche Bauchschmerzen bekam. Ihr Magen krampfte, dann verlor sie das Bewusstsein. Die Eltern riefen den Krankenwagen und Gruber kam in die Notaufnahme. Die Diagnose: Blähungen. Wenige Stunden später wurde sie entlassen und tatsächlich ließen die Schmerzen nach. Gruber schämte sich. Um Nierensteine als Ursache auszuschließen, ging sie ein paar Tage später zum Urologen. Der untersuchte ihren Bauchraum per Ultraschall, runzelte die Stirn und schickte sie zur Gynäkologin. Eine zweite Ultraschalluntersuchung folgte. Das Ergebnis war eindeutig: Neben Grubers Eierstöcken wuchs ein zwanzig Zentimeter großer Tumor. Sie musste sofort operiert werden und war gut zwei Monate lang arbeitsunfähig.

„Die Ärzte in der Notaufnahme haben mich gar nicht richtig untersucht“, erinnert sich Gruber. Sie sitzt in einem Restaurant in Berlin-Charlottenburg und trinkt eine Cola light. Auf ihrer Stirn glänzt ein feiner Schweißfilm. Die 41-Jährige wischt sich übers Gesicht und lacht. Dann wird sie wieder ernst: „Für die Ärzte stand die Diagnose von Anfang an fest: Die ist zu dick, die muss einfach mehr Sport machen.“ Gruber ist 1,70 Meter und wiegt an die 143 Kilo.

Die Manschetten zur Blutdruckmessung sind oft zu eng

Dass die Ärzte in der Notaufnahme sie aufgrund ihres Übergewichts nicht richtig behandelten, lässt sich heute kaum mehr nachweisen. Die Ergebnisse zahlreicher Studien belegen jedoch: Menschen mit starkem Übergewicht werden diskriminiert. Nicht nur in der Schule, bei der Arbeit, beim Einkaufen oder im Schwimmbad, sondern auch von Medizinern. „Dicksein wird in unserer Gesellschaft als Krankheit wahrgenommen“, erklärt Friedrich Schorb vom Institut für Public Health und Pflegeforschung (IPP), einem Forschungsinstitut der Universität Bremen – jedoch als eine, an der die Betroffenen selbst schuld sind.

Wie sich die Benachteiligung in der ärztlichen Behandlung niederschlägt, zeigt eine Übersichtsarbeit der Yale Universität. Das Fazit der Autoren: Für fettleibige Patienten nehmen Ärzte sich weniger Zeit als für dünne. Sie klären sie weniger auf und egal, ob Bluthochdruck oder verstauchter Fuß: Die Ursache für ihr Leiden wird meist im Übergewicht verortet. „Ergebnisse, die sich durchaus auf die Situation in Deutschland übertragen lassen“, so Schorb.

Body-Mass-Index

Der Body-Mass-Index (BMI) ist im Jahr 1832 von dem Astronom und Mathematiker Adolphe Quetelet entwickelt worden. Der BMI ist eine Maßeinheit, die das Körpergewicht eines Menschen in Relation zu seiner Körpergröße bewertet. In die Berechnung wird jedoch weder die Statur noch das Fett-Muskel-Verhältnis des Körpers miteinbezogen. Der Index sollte daher nur als grober Richtwert dienen.

Rechnung: BMI = m (Gewicht in kg)/l ² (Größe in m)

Hinzu kommt: „Viele Krankenhäuser und Arztpraxen sind auf die Behandlung hochgewichtiger Patienten nicht vorbereitet“, berichtet Natalie Rosenke, Vorsitzende der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung (GgG). Die Liegen seien zu schmal, die Manschetten zur Blutdruckmessung zu eng, die Behandlungsstühle nicht stabil genug. Die Folge: Menschen mit starkem Übergewicht gehen meist erst dann zum Arzt, wenn sie die Symptome nicht mehr ignorieren können und die Krankheit bereits weit fortgeschritten ist. Auch Vorsorgeuntersuchungen nehmen übergewichtige Menschen seltener wahr – so das Ergebnis einer Studie des North Carolina Instituts für Public Health aus dem Jahr 2008.

Dass Menschen mit starkem Übergewicht nur aufgrund ihres Gewichts einen höheren Blutdruck haben als der Durchschnitt der Bevölkerung, häufiger an Dickdarm- und Nierenkrebs erkranken und allgemein früher sterben, wie es etwa das Robert Koch-Institut angibt, erscheint vor diesem Hintergrund gar nicht mehr so eindeutig, gibt Gesundheitswissenschaftler Schorb zu bedenken. Denn klar ist: Je später Kranke zum Arzt gehen, desto weiter ist das Leiden in der Regel fortgeschritten, desto schwieriger gestaltet sich die Behandlung und desto schlechter schneiden dicke Menschen in der Gesundheitsstatistik ab.

Erste Hinweise, dass dicke Menschen gar nicht so viel kränker sind als dünne, liefert eine Übersichtsarbeit zum Thema Adipositas der amerikanischen Epidemiologin Katherine Flegal aus dem Jahr 2013. Die Studie belegt: Übergewicht führt nicht zwangsläufig zu einem höheren Sterberisiko. Im Gegenteil: Menschen mit leichtem Übergewicht, also einem BMI zwischen 25 und 30, das hat die Wissenschaftlerin herausgefunden, haben sogar ein um rund fünf Prozent verringertes Sterberisiko als normalgewichtige Menschen. Bei stark adipösen Menschen steigt die Mortalität dann wieder an.

Die Untersuchung blieb jedoch nicht ohne Kritik. Emanuele Di Angelantonio von der Universität Cambridge bemängelt beispielsweise, dass Flegal auch Raucher und Menschen mit chronischen Erkrankungen in die Berechnung miteinbezogen hat. Beides – so der Vorwurf – würde die Ergebnisse verzerren. Denn Raucher wie chronisch Kranke hätten meist nicht nur ein höheres Sterberisiko, gibt Di Angelantonio zu bedenken, sondern auch einen geringeren BMI. Dass stark Übergewichtige seltener zum Arzt gehen oder die Blutdruckwerte wegen zu kleiner Manschetten falsch gemessen sein könnten, wird hingegen an keiner Stelle erwähnt.

Die Gesellschaft muss umdenken

Natalie Rosenke hält von solchen Rechenexperimenten nicht besonders viel. „Selbst wenn dicke Menschen früher sterben und anfälliger für bestimmte Krankheiten sein sollten“, betont sie, „legitimiert das keinesfalls eine Diskriminierung.” Was die Betroffenen letztendlich krank mache, seien nicht die zusätzlichen Kilos, sondern die gesellschaftliche Ablehnung, die sie erfahren, meint Rosenke.

So sehen es auch die Wissenschaftler des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums (IFB) Adipositas-Erkrankungen in Leipzig. Um die Auswirkungen von Stigmatisierung zu untersuchen, haben sie 64 Studien analysiert. Das Ergebnis: Viele Menschen mit Übergewicht verinnerlichen die negativen Urteile anderer, entwickeln starke Minderwertigkeitsgefühle und haben ein um 50 Prozent erhöhtes Risiko, eine Depression zu entwickeln.

Auch Gruber hat sich jahrelang für ihren Körper geschämt. „Als Kind war ich eher schmal“, erinnert sie sich. Mit der Pubertät kamen die ersten Rundungen. Als sie elf Jahre alt war, kam ihre Tante auf die Idee, mit ihr eine Diät zu machen. Gruber nahm ab und erlebte zum ersten Mal den Jo-Jo-Effekt. Weitere Diäten folgten, das Abnehmen und anschließende Zunehmen wurde zum Teufelskreis. In der Abi-Zeit brachte Gruber bereits an die 80 Kilo auf die Waage, während des Examens dann schon 100 Kilo. Bei ihrer letzten Diät – Ende 20 – fielen ihr die Haare aus, ihr Stoffwechsel war ruiniert und sie begriff: „So geht es nicht weiter.“ „Ich musste lernen, meinen Körper zu akzeptieren“, sagt Gruber.

Und damit ist Gruber nicht die Einzige: „Unsere Gesellschaft“, stellt Gesundheitswissenschaftler Schorb fest, „muss sich damit abfinden, dass nicht alle Menschen schlank sind.“ Unsere Körper, meint der Soziologe, lassen sich nicht normieren.

*Der Name ist von der Redaktion geändert.

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