„Die braucht erst mal einen BH für ihren Bauch“

„Die braucht erst mal einen BH für ihren Bauch“

Anne Luise Lübbe © privat

Anne-Luise Lübbe ist eine sogenannte Brafitterin – das heißt, sie hilft ihren Kundinnen, den für sie richtigen BH zu finden. Ihr Motto dabei lautet: „Accept Every Body“. Was genau sie darunter versteht und warum sie für ihr Engagement für mehr körperliche Vielfalt Hass-Kommentare auf YouTube erntet, erzählt Lübbe im Interview.

Redaktion: In Ihrem Brafitting-Studio und auf Ihrer Website werben Sie mit einem „Accept Every Body – Frei von Körperbewertung“-Banner. Warum?

Anne-Luise Lübbe: Dieser Banner ist keine Werbung, sondern steht für eine Haltung. Er zeigt meinen Kundinnen: Hier ist ein Raum, wo dein Körper nicht bewertet wird – egal, ob du dick oder dünn bist, Falten hast, im Rollstuhl sitzt oder an Akne leidest. Diäterfolge werden nicht kommentiert und den Spruch „das und das macht dich schlanker “, wird niemand von mir hören.

Eine Frau, die ihr Bäuchlein mit einem speziellen Slip kaschieren will, ist bei Ihnen also fehl am Platz.

Wenn sie so ein Höschen möchte, berate ich sie natürlich gerne. Ich selbst würde sie nur niemals dazu auffordern. Das Wort „kaschieren“ ist für mich tatsächlich ein absolutes No-Go. Mit diesem Begriff fängt Body Shaming überhaupt erst an.

„Body Shaming“ bedeutet: Jemand sagt etwas, das sein Gegenüber dazu bringt, sich für seinen Körper zu schämen.

Genau – und das fängt oft schon in der Kindheit an. Als ich mit zwölf Jahren alleine meinen ersten BH kaufte, sah mich die Verkäuferin an und sagte: „Deine Brüste sind für dein Alter zu groß“. Das meinte sie sicher nicht böse, mich hat der Satz jedoch getroffen – und zwar nachhaltig. Auf einmal fühlte ich mich nicht mehr „normal“, schämte mich für meine Oberweite und versuchte, meinen Busen durch das Tragen von weiten T-Shirts zu verstecken. Von meinen Kundinnen höre ich manchmal Geschichten, da bleibt mir fast der Mund offen stehen.

„Wir brauchen mehr positive Körperbilder“

Welche zum Beispiel?

Eine Frau wurde wegen ihres kleinen Busens in einem Kaufhaus mit den Worten „Für Sie haben wir nichts“ abgefertigt und dann in die Kinderabteilung geschickt – die Frau war Mitte 50. Bei dicken Menschen ist der Klassiker: „Nehmen Sie erst einmal ab“ – eine offensichtliche Diskriminierung. Mit einem meiner Fitting-Models sie trägt Kleidergröße 40, wollte ich zeigen, wie unterschiedlich gut BHs beim Sport sitzen. Hierfür haben wir ein Video produziert und es auf YouTube gepostet. Ein Kommentar: „Die braucht erst mal einen BH für ihren Bauch.“

Wie haben Sie reagiert?

Da ich solche Hass-Kommentare öfter erhalte, schalte ich die Kommentarfunktion für gewöhnlich aus. Dieses Video wurde hingegen ohne mein Wissen dupliziert und veröffentlicht. Als ich das mitbekam, habe ich die Person verklagt und sie musste es löschen.

Was bringt Menschen dazu, so etwas zu schreiben?

Zum einen ist das Internet ein Raum, in dem jeder sagen kann, was er will. Grundsätzlich ist das gut. Die Anonymität, die wir im Netz genießen, verleitet jedoch viele dazu, Sachen zu sagen, die sie von Angesicht zu Angesicht nie äußern würden. Die Medien haben den schlanken, durchtrainierten Körper außerdem zur Norm erhoben. Frei nach dem Motto: Dünn ist gesund, dick zu sein macht krank. Sich über dicke Menschen aufzuregen, gehört da fast schon zum guten Ton. Was uns fehlt, sind mehr positive Körperbilder – nicht nur vom Schlank- sondern auch vom Dicksein.

Gerade Menschen mit Übergewicht sind in der Werbung doch zunehmend präsenter. Man denke nur an Nivea, Dove oder die Frauen von „Du darfst“.

Das Wort „Übergewicht“ würde ich gerne vermeiden. Es suggeriert, dass es für unser Gewicht eine Norm gibt, an die wir uns halten sollten. Doch wer legt diese Norm fest? Der Ansatz, dass jetzt auch dicke Frauen schön sein dürfen, ist natürlich begrüßenswert.

Wir müssen nicht jeden Makel lieben

Warum hier die Ironie?

Letztendlich sehen auch die Models dieser Werbespotzs super aus: Sie haben die perfekte Sanduhr-Figur, tolle Haut, einen gleichmäßigen Teint. Von Cellulite, Dehnungsstreifen, Falten, Narben oder Pickeln keine Spur.

Vielleicht wollen die Menschen Falten und Cellulite auch gar nicht sehen.

Mag sein. Das liegt dann aber auch an unseren Sehgewohnheiten. Wer auf dem Bildschirm und in der Werbung nur „schöne“ beziehungsweise gut retuschierte Menschen sieht, muss sich tatsächlich erst mal umgewöhnen. Aber ich will mich nicht beschweren. Denn es stimmt: Es gibt mittlerweile immer mehr Initiativen, die sich für eine positive Sicht auf den weiblichen Körper einsetzen. Selbst der Sportartikelhersteller Nike hat jetzt eine Plus Size-Kollektion herausgebracht.

Die Journalistin Nina Pauer hat die Body Positivity-Bewegung in einem Beitrag in der ZEIT kritisiert und schreibt: „Ja, es ist anstrengend, jahrelang gegen Falten und Fettpolster anzudenken. Sie heiß und innig lieben zu müssen aber auch.“

Natürlich ist niemand 100-prozentig mit sich zufrieden. Auch mir gefallen einige Stellen meines Körpers nicht. Darum geht es auch gar nicht. Wichtig ist nicht, jeden seiner Makel schön zu finden, sondern sie nicht immer wieder zu bewerten – bei sich ebenso wenig wie bei anderen. Daher auch der Slogan des Banners „Accept Every Body“.

Gelingt es Ihnen persönlich denn, Ihren eigenen Körper nicht mehr zu bewerten?

Immer besser – und dabei hat mir tatsächlich mein Beruf geholfen. Als Brafitterin sehe ich viele nackte Körper und sie sind alle unterschiedlich. Nimmt man diese Vielfalt tagtäglich wahr, ändern sich der Blick oder – um bei unserem Vokabular zu bleiben – die Sehgewohnheit automatisch und man wird mit seinem eigenen Körper „gnädiger“.

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