Die Geheimnisse des biologischen Alters

Die Geheimnisse des biologischen Alters

Iris Berben ist 66 Jahre alt – das sieht man ihr aber nicht an. © dpa

Manche Menschen scheinen niemals älter zu werden. Andere wirken bereits mit Mitte Fünfzig wie betagte Senioren. Vieles davon hat mit dem Lebensstil zu tun, aber nicht nur. Altern ist auch Kopfsache.

„Du hast dich aber gut gehalten!“ Oder: „50? Niemals! Du bist doch höchstens 40.“ Wer das sagt, will seinem Gegenüber vor allem schmeicheln. Reine Flunkerei ist so ein Spruch aber nicht zwangsläufig. Manche Menschen sind körperlich und geistig jünger, als es ihr Ausweis angibt. Andere sind älter – sie haben sich nicht so gut gehalten. Sagen würde man ihnen das wohl eher nicht.

Der Jenaer Altersforscher Professor Lenhard Rudolph drückt es so aus: „Die Frage ist, ob man gut oder schlecht gealtert ist.“ Das hat am Ende jeder auch selbst in der Hand. „Sein biologisches Alter kann man im Gegensatz zum chronologischen Alter beeinflussen – 30 Prozent sind genetisch vorgegeben, 70 Prozent bestimmt der Lebensstil.“ Damit wird klar: Wie man lebt, hat einen großen Einfluss auf das Altern.

Das Altern ist ein Kreislauf

Auch wenn es trivial scheint, lautet die Formel: gesund zu leben, hält jung. Möglichst schlank bleiben, Rauchen vermeiden, Alkohol in Maßen trinken, sportlich aktiv sein. Rudolph zählt die Faktoren rasch auf und erklärt sie. Sport etwa sorgt für milden Stress im Körper. So könne der Alterungsprozess verlangsamt werden. Wenn der Kreislauf und die Muskeln belastet werden, bilden sich vermehrt Sauerstoffradikale. Dies soll bei gesunden Menschen die Stressresistenz erhöhen –und so letztlich vor dem Altern schützen.

Wie aber ist das biologische Alter zu bestimmen? Darauf suchen Wissenschaftler seit Jahrzehnten Antworten. Die eine, endgültige Lösung gibt es noch nicht. „Du bist 50, aber biologisch 40.“ So eine Aussage kann niemand treffen – zumindest nicht medizinisch fundiert. „Es gibt keinen Goldstandard für das biologische Alter, nicht das eine klinische Anzeichen oder den einen Laborwert“, sagt Professorin Ursula Müller-Werdan, die an der Berliner Charité forscht und im Präsidium der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie sitzt.

Rudolph beschreibt den Alterungsprozess als Kreislauf. Einfach erklärt: Zellbausteine funktionieren nicht mehr wie gewünscht, zum Beispiel die Mitochondrien, die als Kraftwerke der Zellen gelten. Das sorgt für Schäden und chemische Veränderungen an der DNA. Da die Gene viele Körper-Prozesse regulieren, treiben die Veränderungen wiederum den Funktionsverlust der Zellen voran – der Körper altert.

Es gibt verschiedene Messwerte, die sich mit zunehmendem Alter verändern. Wissenschaftler nennen sie Biomarker. Typische Biomarker sind Zuckermoleküle, die an Proteine geheftet sind. Die Zahl dieser „glykierten Proteine“ nehmen im Alter zu. Jedoch: Zuverlässig aussagekräftig seien diese Werte für sich allein stehend nicht, sagt Müller-Werdan. Am Ende, so glaubt sie, wird es wohl eine Palette an Parametern sein, die das biologische Alter widerspiegeln.

Mit 40 fängt das Altern an

Mit rund 40 Jahren nimmt der Alterungsprozess Fahrt auf. Bei vielen sei dann die reproduktive Phase zu Ende, sagt Professor Lenhard Rudolph. Das heißt, sie bekommen keine Kinder mehr. In diesen Lebensjahren macht es Sinn, sich mit dem biologischen Alter zu beschäftigen. Denn mit seinem Lebensstil kann man die körperliche Alterung beschleunigen oder verlangsamen. Stoppen lasse sie sich nicht, sagt Rudolph. „Sie wird durch Gene getrieben.“

Ein Stück weit kann man Menschen ihr biologisches Alter ansehen. Das zeigen auch Forschungsergebnisse. Könnten es Mediziner aber präziser bestimmen, bietet das Potenzial.

Das biologische Alter hängt auch von der eigenen Wahrnehmung ab

Das gesundheitliche Risiko für Patienten durch Operationen etwa sei genauer einzuschätzen, sagt Müller-Werdan. Auch der Erfolg bestimmter Therapien und Maßnahmen zur Änderung des Lebensstils wäre so messbar. Was hat die Ernährungsumstellung ganz konkret gebracht? Der Verzicht auf Zigaretten? Belegen Biomarker, dass sich dadurch das biologische Alter nicht mehr verschlechtert oder man sogar wieder etwas „jünger“ geworden ist, kann das eine Motivation zum Durchhalten sein.

Auch der Kopf spielt beim Altern eine wichtige Rolle. Wer sich das eigene Alter schlecht redet, macht sich tatsächlich älter. „Von den Effekten weiß man schon länger“, sagt der Heidelberger Altersforscher Professor Hans-Werner Wahl. „Heute haben wir aber auch viele belastbare Belege dazu.“ Mein Körper baut ab, ich könnte krank werden, ich kann nichts mehr leisten – solche Negativschleifen hätten massive Auswirkungen, verdeutlicht Wahl mit Verweis auf verschiedene Studien. „Man hat weniger Kraft, geht und schreibt langsamer, hat mehr Stress, bekommt leichter Entzündungen.“ Das biologische Alter scheint also auch von der Alterswahrnehmung abzuhängen.

Der Fachbegriff dafür ist subjektives psychologisches Altern. Man könnte auch sagen: Man ist so alt, wie man sich denkt und fühlt. Die meisten älteren Menschen nutzen jene Regel immerhin zu ihren Gunsten. „Sie fühlen sich jünger“, sagt Wahl. „Das zeigen alle Untersuchungen, auch unsere eigenen.“ Es gibt kaum 80-Jährige, die sagen, dass sie sich wie 80 oder sogar älter fühlen. Wer sich jünger fühlt, sei körperlich und geistig aktiver.

Wahl plädiert dafür, negative Altersbilder zu bekämpfen: In der Gesellschaft und bei alten Menschen selbst. Noch nie waren Ältere gesünder als heute, sagt er. Doch das Alter werde noch zu häufig mit körperlichem Abbau gleichgesetzt. Das stimmt natürlich bis zu einem gewissen Grad und vollständig aufhalten kann man den Alterungsprozess nicht. Aber: Man verfügt über Erfahrung und Lebensweisheit. Häufig hat der Körper auch nicht so stark abgebaut, wie man vielleicht denkt. „Oft redet man sich kleiner, als man ist. Besser ist, sich noch etwas zuzutrauen“, sagt Wahl.

Von Tom Nebe (dpa)

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