„Unsere Toten werden immer älter“

Michael Tsokos © Henkensiefken/Finepic

Gut 30.000 Leichen hat der renommierte Rechtsmediziner und Krimi-Autor Michael Tsokos im Laufe seines Leben obduziert. Im Interview berichtet er, wie der demografische Wandel seine Arbeit beeinflusst und er räumt mit einigen Irrtümern über die Rechtsmedizin auf.

Redaktion: Wie gefällt Ihnen die Darstellung des Rechtsmediziners Karl-Friedrich Boerne im Münster-Tatort?

Michael Tsokos: Sehr gut. Die Figur ist unglaublich überzeichnet – und genau das gefällt mir. Fortbilden kann ich mich durch das Studium seiner Fälle allerdings nicht. Krimiserien wie der Tatort zementieren vielmehr altbekannte Irrtümer.

Als da wären?

Etwa dass Angehörige Tote identifizieren müssen. So etwas gibt es nicht. Ein Großteil unserer Leichen fault bereits oder ist durch einen Unfall kaum noch zu erkennen – Zustände, die man trauernden Angehörigen nicht zumuten muss. Genauso wenig schmieren Rechtsmediziner sich vor jeder Obduktion Mentholpaste unter die Nase, um den Geruch der Leichen auszuhalten. Ich arbeite jetzt seit gut 25 Jahren als Rechtsmediziner und habe mittlerweile an die 30.000 Obduktionen durchgeführt. Hätte ich mir jedes Mal Wick Vaporub unter die Nase geschmiert, hätte ich da vermutlich keine Haut mehr.

In Ihrem neuen Buch „Sind Tote immer leichenblass?“ räumen Sie mit derlei Irrtümern auf. Nervt es Sie, dass ein fiktiver Rechtsmediziner wie Boerne die öffentliche Wahrnehmung derart prägt?

Nein. Ich finde diese Irrtümer eher lustig. Bei meinen Vorträgen habe ich jedoch gemerkt, dass andere Menschen diese Fragen durchaus interessieren. Als ich dann zum zehnten Mal nach der Mentholpaste gefragt wurde, entschloss ich mich, dieses Buch zu schreiben.

Plötzlicher Kindstod in Flüchtlingsheimen

Was sind denn die klassischen Aufgaben eines Rechtsmediziners?

Im Auftrag der Staatsanwaltschaft oder des Gerichts untersuchen wir unklare und nicht natürliche Todesfälle, also solche, bei denen nicht ausgeschlossenen werden kann, dass sie durch Fremdeinwirkung verursacht wurden. Etwa wenn jemand überfahren wurde oder durch Messerstiche ums Leben gekommen ist. Bei Körperverletzungen dokumentieren wir außerdem die Verletzungsfolgen. Dass Rechtsmediziner es nur mit Leichen zu tun haben, ist ein weiteres Klischee.

In Ihrem Buch erwähnen Sie, dass der demografische Wandel Ihre Arbeit beeinflusst. Was meinen Sie damit?

Etwas flapsig formuliert werden wir mit immer mehr Toten konfrontiert, die im zarten Alter von 98 Jahren aus dem Leben gerissen wurden. Natürlich muss nicht jeder, der mit 98 stirbt, obduziert werden. In der Pflege läuft jedoch einiges schief – und hier spreche ich nicht nur von den sogenannten „Todesengeln“, sondern auch von Pflegefehlern. Etwa durch Vernachlässigung, Mangelernährung oder fehlerhafte Fixierung. Ein großes Thema sind auch Dekubiti.

Dekubiti sind Druckgeschwüre. Wie kann ein Mensch daran sterben?

Beispielsweise durch eine schwere Sepsis, also eine Blutvergiftung. Die Verletzungen sind ja offen und damit ein Einfallstor für Keime und Bakterien. Die Schädigung des Gewebes führt außerdem zu Wasser- und Proteinverlust. Auch das kann bei ohnehin schon geschwächten Personen zu Tod führen. Ein anderes Thema, das mich als Rechtsmediziner momentan stark beschäftigt, sind die Geflüchteten.

Wie meinen Sie das?

Viele von ihnen beantragen Asyl, weil sie in ihrer Heimat gefoltert wurden. In diesem Fall müssen wir prüfen, ob Narben und Knochenbrüche tatsächlich durch Folter verursacht wurden. Bislang sind das glücklicherweise nur wenige Fälle. Gravierender ist der plötzliche Kindstod in den Flüchtlingsheimen.

 

Rechtsmediziner sind Praktiker, keine Wissenschaftler

Ich dachte, der kommt in Deutschland so gut wie gar nicht mehr vor.

Stimmt. Zu verdanken haben wir das den Präventionsmaßnahmen, über die werdende Eltern hierzulande seit den 1980er Jahren umfassend informiert werden. Danach sank die Anzahl der Todesfälle auf etwa 100 pro Jahr. Viele Geflüchtete wissen jedoch nicht, dass sie ihr Kind zum Schlafen nicht auf den Bauch legen dürfen. Oft wird auch in seiner Nähe geraucht. Das alles sind Risikofaktoren, über die wir aufklären müssen. Außerdem herrschen bei uns ganz andere Bedingungen, als viele sie aus ihrer Heimat kennen. In Deutschland ist es beispielsweise meist viel kälter. Damit der Säugling nicht friert, ziehen die Eltern es dick an – manchmal leider zu warm.

© Droemer Verlag

Die Aufgabenbereiche der Rechtsmedizin haben sich über die Jahre also erweitert. Warum werden in Deutschland dann immer mehr rechtsmedizinische Institute geschlossen?

Die Gelder sind knapp, Zuschüsse bekommt, wer forscht, und wir Rechtsmediziner betreiben halt keine Grundlagenforschung. Unser Zielgruppe sind Juristen – und die interessieren sich nicht für Zellkulturen, Tumormarker oder weniger invasive Operationsverfahren. Rechtsmediziner sind Praktiker, keine Wissenschaftler.

Wie machen sich die Institutsschließungen in Deutschland bemerkbar?

In Städten wie Berlin und Hamburg kaum, auf dem Land dafür umso mehr. In Schleswig-Holstein kann der Transport einer Leiche zum nächsten rechtsmedizinischen Institut schnell mal ein bis zwei Stunden dauern. Das ist teuer. Ein Grund dafür, dass die Justiz vielerorts auf Obduktionen verzichtet.

Ein guter Aufhänger für den nächsten Tatort?

Mit Axel Prahl bin ich befreundet. Ich werde ihm das mal vorschlagen.

 

„Sind Tote immer leichenblass?“ von Michael Tsokos ist im Droemer Knaur Verlag erschienen und kostet 14,99 Euro.

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