Unterwäsche gibt Stomaträgerinnen neues Selbstbewusstsein

Die Engländerin Jasmine Stacey designt luxuriöse Unterwäsche speziell für Frauen mit künstlichem Darmausgang. Die Dessous sollen den Betroffenen helfen, sich in ihrem Körper wohl- und attraktiv zu fühlen.

Auf Instagram hat die Engländerin Jasmine Stacey ein Foto gepostet. Es zeigt drei Models, alle in ähnlicher Unterwäsche – die BHs sind bunt gemustert, die Höschen liegen eng an und reichen bis zur Taille. Eine der Frauen zieht ihren Slip leicht nach unten. Darunter: eine feine Narbe und ihr Stomabeutel.

In Deutschland leben gut 160.000 Menschen mit einem künstlichen Darmausgang, einem sogenannten Stoma. Nahezu die Hälfte von ihnen sind laut Angaben des Barmer GEK Heil- und Hilfsmittelreport 2013 Frauen. „Die Dessous sorgen dafür, dass der Stomabeutel sicher verstaut ist“, erklärt Stacey, „und sie helfen den Trägerinnen, sich in ihrem Körper wieder wohlzufühlen.“ Die 25-Jährige hat das Bild der drei Models nicht nur gepostet, sie hat die Unterwäsche auch entworfen.

Sexy trotz künstlichem Darmausgang

Wie schwer es ist, den eigenen Körper nach der Stoma-Operation wieder attraktiv zu finden, hat die junge Frau am eigenen Leib erfahren. Stacey hat Morbus Crohn, eine chronisch entzündliche Darmerkrankung. Gut zehn Jahre lang kämpfte sie mit der Entzündung, hatte immer wieder Magenschmerzen. Mit Anfang 20 wurde ihr der Dickdarm entfernt und ein künstlicher Darmausgang gelegt – ein sogenanntes Ileostoma. Seitdem wird ihr Stuhl über eine kleine Öffnung in der Bauchdecke abgeleitet.

„Ich dachte, jetzt ist mein Dating-Leben vorbei“, sagte Stacey in einem Interview der BBC. Die Operation nahm der jungen Frau die Schmerzen – ihren Körper wieder zu akzeptieren, fiel ihr jedoch sehr schwer. Was ihr dabei half, war die Teilnahme an einem Projekt der gemeinnützigen Stiftung Purple Wings. Zusammen mit elf anderen Frauen ließ Stacey sich im Jahr 2015 für einen Kalender in Unterwäsche fotografieren – mit deutlich sichtbarem Stomabeutel. Die Bilder zeigten ihr, dass sie sich für ihren Körper nicht schämen muss, dass sie auch mit dem Beutel attraktiv, ja sogar sexy sein kann. Ihr Selbstbewusstsein kehrte zurück.

Schöne Unterwäsche, die Frauen mit Stoma ohne Bedenken tragen können, ist auf dem internationalen Wäschemarkt jedoch Mangelware. Auf den Purple Wings-Bildern tragen die Frauen daher auch ganz normale Slips. Die Höschen sitzen auf der Hüfte, geben dem Stomabeutel also keinen Halt. Für ein Fotoshooting mag das funktionieren – im Alltag fühlen sich viele Stomaträgerinnen mit solchen Dessous hingegen unwohl.

„Der Stomabeutel“, erklärt Sabine Massierer-Limpert vom Verein Selbsthilfe Stoma-Welt, „hält zwar meist von allein, ein gut anliegendes und hoch geschnittenes Höschen gibt den Betroffenen jedoch zusätzlich Sicherheit.“ Gut seien daher Dessous, die den Stomabeutel stützen und an der Seite nicht einengen – etwa taillenhohe Slips aus elastischem Material. Elastisch, damit die Höschen nicht drücken, wenn der Stomabeutel voll ist.

Solche Dessous konnte Stacey allerdings nicht finden – jedenfalls keine, die ihr gefielen. Um das zu ändern, gründete sie 2016 die Jasmine Stacey Collection, ein Unterwäschelabel speziell für Stomaträgerinnen.

Was ist ein Ileostoma?

Der Begriff bezeichnet die künstlich angelegte Öffnung in der Bauchdecke, durch die ein kleines Stück des Dünndarms (Ileum) nach außen auf die Hautoberfläche geführt wird. Am Ileostoma befestigt sind ein Hautschutz und der Stomabeutel, in dem der Stuhl gesammelt wird.

Das Stoma nicht verstecken

Die Stücke der Kollektion sind funktional und ein bisschen verrucht zugleich. Mal schlicht schwarz und elegant, mal mit weißer Spitze, mal mit Strapsen. Inspiration schöpft die Britin vor allem aus den 1950er-Jahren. Als Material für die Dessous verwendet sie in der Regel Seide. An den Stellen, an denen das Stoma sitzt, ist der Stoff elastisch und strapazierfähig.

Die Irin Nicola Dames verfolgt mit ihrem Label „Vanilla Blush“ ein ähnliches Konzept. Auch sie kreiert sexy, taillenhohe Pantys speziell für Frauen mit Stoma. Stacey geht jedoch noch einen Schritt weiter: Sie will die Frauen auch dazu motivieren, ihren Stomabeutel zu zeigen. Manche ihrer Slips (etwa der „Black Widow“) reichen daher nur bis zu Hüfte. Damit der Stomabeutel trotzdem nicht verrutscht, wird er mit Hilfe von zwei Satinbändern gehalten, die sich auf der Höhe des Bauchnabels überkreuzen. Die klare Botschaft: Ein künstlicher Darmausgang ist nichts, für das eine Frau sich schämen muss.

Massierer-Limpert vom Verein Selbsthilfe Stoma-Welt gefällt diese Botschaft – ebenso wie den Jasmine Staceys Kundinnen. Das zeigen die vielen Likes auf Facebook und Instagram.

© charlywoodphotography

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