„Wir lassen unsere Schlaganfall-Patienten zu schnell allein“

Anke Siebdrat ist Schlaganfall-Lotsin. Hier bespricht sie mit einem Schlaganfall-Patienten mögliche Rehabilitationsmöglichkeiten. © Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe

Im Jahr erleiden rund 270.000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall. Gut 70 Prozent der Anfälle wäre Experten zufolge vermeidbar. Wie eine bessere Nachsorge dabei helfen kann und was es mit den sogenannten „Schlaganfall-Lotsen“ auf sich hat, darüber sprachen wir mit Mario Leisle von der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe.

Redaktion: Was läuft in der Prävention von Schlaganfällen schief?

Mario Leisle: In Deutschland ist gut jeder vierte Erwachsene stark übergewichtig und starkes Übergewicht ist ein eindeutiger Risikofaktor für einen Schlaganfall. Ebenso wie zu wenig Bewegung, ein erhöhter Alkoholkonsum oder Rauchen – eben ein ungesunder Lebensstil. Menschen dazu zu bringen, ihre Lebensgewohnheiten zu ändern, ist eine der komplexesten Aufgaben der Prävention. Da müssen wir deutlich besser werden, übrigens auch in der Nachsorge.

Dann ist der Schlaganfall doch schon geschehen.

Ja, nur erleidet ein Großteil der Menschen nach ihrem ersten Schlaganfall einen zweiten. Etwa weil sie es nicht schaffen, ihre Ernährung nachhaltig umzustellen, weiter rauchen oder beim Einnehmen ihrer Medikamente durcheinanderkommen.

„Wir lassen unsere Schlaganfall-Patienten zu schnell allein“

Mario Leisle © Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe

Gut jeder dritte Schlaganfall-Patient entwickelt eine Depression

Das heißt, den Betroffenen gelingt es nicht, ihre Lebensgewohnheiten zu ändern – wir stehen also wieder vor demselben Problem wie bei der Prävention.

Anders als bei der breiten Bevölkerung ist die Risikogruppe hier jedoch klar identifiziert und wir stehen mit ihr in Kontakt. Im Krankenhaus und auch in der Reha werden die Patienten engmaschig betreut und in der Regel gut versorgt. In der Behandlung von Schlaganfällen gehört Deutschland international tatsächlich zu den Vorreitern. In der ambulanten Nachsorge im heimischen Umfeld geht dann jedoch vieles wieder verloren und wir lassen die Menschen zu schnell allein.

Um das zu ändern, arbeitet die Deutsche Schlaganfall-Hilfe seit fünf Jahren mit „Schlaganfall-Lotsen“. Ab Herbst 2017 wird das Modellprojekt „Schlaganfall-Lotsen in Ostwestfalen-Lippe (OWL)“ durch den Innovationsfonds der Bundesregierung mit rund sieben Millionen Euro gefördert. Worum geht es in dem Projekt.

Mit den Lotsen wollen wir die sektorübergreifende Nachsorge verbessern und die Anzahl der wiederholten Schlaganfälle reduzieren. Sobald ein Patient in der Stroke Unit landet, der Spezialstation für Schlaganfälle, wird ihm ein Lotse, ein (Fall-)Begleiter an die Seite gestellt. Dieser koordiniert die Versorgung, hilft – wenn nötig – bei der Beantragung der Reha, sorgt dafür, dass die Hilfsmittel, die den Alltag erleichtern, richtig angepasst sind und dokumentiert alle Behandlungsschritte. Gut jeder dritte Patient mit einem Schlaganfall entwickelt außerdem eine Depression, die sogenannte Post-Stroke-Depression. Vom Hausarzt wird die Krankheit oft nicht erkannt. Dabei kann sie dazu führen, dass der Betroffene seine Medikamente nicht mehr einnimmt.

Was würde ein Schlaganfall-Lotse in diesem Fall tun?

Nehmen wir einen konkreten Fall, den wir gerade hatten: Der Schlaganfall-Patient war LKW-Fahrer. Als er nach Hause kam und feststand, dass er seinen Beruf aufgeben muss, entwickelte er eine Depression. Unsere Lotsin merkte das, holte die 18-jährige Tochter mit ins Boot und gemeinsam überzeugten sie den Mann, zum Arzt zu gehen. Dieser verschrieb ihm Antidepressiva. Die Medikamente bewirken zwar nicht, dass der Mann wieder Lkw fahren kann, aber es geht ihm deutlich besser und er arbeitet wieder aktiv an seiner Rehabilitation.

Und wie kann ein Lotse seinen Patienten beispielsweise dazu bringen, mit dem Rauchen aufzuhören?

Der Schlaganfall-Lotse hat mehr Zeit als der Arzt. Er rät dem Patienten nicht nur, das Rauchen aufzugeben, sondern sorgt dafür, dass er an einem Raucherentwöhnungsprogramm teilnehmen kann und die Krankenkasse ihm die Kosten dafür erstattet – unabhängig vom Alter.

Älteren Patienten wird die Reha oft vorenthalten

Warum betonen Sie, dass das unabhängig vom Alter geschieht?

Gerade älteren Schlaganfall-Patienten werden bestimmte Leistungen nach unseren Erfahrungen häufig vorenthalten Besonders gravierend ist das in der Rehabilitation. Krankenkassen, zum Teil aber auch Ärzte, begründen das damit, dass alte Patienten mit der Rehabilitation überfordert seien.

Und dem ist nicht so?

Nein. Man hat das lange Zeit geglaubt, doch inzwischen gibt es Studien, die das widerlegen. Natürlich wird ein 80-Jähiger nach der Schlaganfall-Reha nicht unbedingt wieder tanzen gehen. Dennoch kann sich die Rehabilitation, etwa bei einer halbseitigen Lähmung, lohnen – zum Beispiel, wenn der Patient es auf diese Weise schafft, wieder selbst den Löffel zu halten oder die Seiten der Zeitung eigenständig umzublättern. In Bezug auf unsere Lotsen bedeutet das: Wird der Antrag auf Rehabilitation aus ihrer Sicht unbegründet abgelehnt, helfen sie, einen Widerspruch zu formulieren und einzureichen.

Wie kann man Schlaganfall-Lotse werden?

Die Lotsen haben in der Regel eine pflegerische oder therapeutische Ausbildung. Eine Weiterbildung im Case Management ist wünschenswert, kann aber auch nachgeholt werden. Aktuell werden wir mit 15 Schlaganfall-Lotsen in der Region OWL arbeiten. Die Förderung des Bundes ist auf drei Jahre angelegt. In dieser Zeit müssen wir beweisen, dass unser Projekt sinnvoll ist und die Schlaganfall-Lotsen es tatsächlich schaffen, die Anzahl der wiederholten Schlaganfälle zu reduzieren und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. Ist das geschafft, hoffen wir, dass wir das Versorgungsmodell bundesweit etablieren können.

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