In Kuba spielen Blinde Baseball nach Gehör

In Kuba spielen Blinde Baseball nach Gehör

Ein Blinder Baseballspieler wirft den Ball während einer Trainingseinheit im Stadion Santiago „Changa“ Mederos in Havanna. Mit Hilfe von verschiedene Tönen hilft man den Spielern bei der Orientierung. © dpa

Kubas Revolutionsführer Fidel Castro liebte den Sport. Baseball verbindet die Insel sogar mit dem einstigen Erzfeind USA. Auch blinde Sportler gehen ihrer Leidenschaft nach. Glöckchen im Ball und klatschende Helfer an den Bases helfen bei der Orientierung.

Lisbán Torres war gerade einmal 17 Jahre alt, als der Grüne Star ihm das Augenlicht raubte. Der schwere Schicksalsschlag stellte das Leben des jungen Kubaners auf den Kopf. Er musste sich an ein Leben in der Dunkelheit gewöhnen, selbst einfachste Dinge stellten plötzlich große Herausforderungen dar. Eines wollte er allerdings nicht aufgeben: seine große Leidenschaft Baseball.

„Ein Jahr nachdem ich erblindet war, habe ich im Radio von einer Gruppe Blinder gehört, die Baseball spielten“, erzählt Torres. „Das hat mich neugierig gemacht, und ich bin zum Training gegangen.“ Heute trainiert er mehrmals die Woche bei Coach Roberto Carmona. Jeden Sonntag treten Teams im Stadion Santiago „Changa“ Mederos in Kubas Hauptstadt Havanna gegeneinander an.

Spieler werden illegal abgeworben

Torres hatte bereits Baseball gespielt, bevor er das Augenlicht verlor. „Nur so zum Spaß“, sagt er. Sein großes Vorbild war immer Javier Méndez vom Team Industriales in Havanna. Baseball ist in Kuba Nationalsport. Revolutionsführer Fidel Castro war ein leidenschaftlicher Baseball-Fan, der schon als kleiner Junge nach der Schule mit seinen Freunden Bälle über die Finca seines Vaters in Birán im Südosten der Insel drosch.

Die kubanische Nationalmannschaft gewann bei den Olympischen Spielen dreimal Gold und zweimal Silber. Damit ist sie das erfolgreichste Olympia-Team. Zuletzt spielte der Baseball sogar in der großen Weltpolitik eine Rolle: Als der damalige US-Präsident Barack Obama im Zuge der Entspannungspolitik zwischen den einstigen Erzfeinden im März vergangenen Jahres in Kuba war, schaute er sich gemeinsam mit dem kubanischen Staatschef Raúl Castro ein Spiel zwischen den Tampa Bay Rays und Kubas Nationalmannschaft an.

Da es im sozialistischen Kuba keinen Profisport gibt, versuchen vielversprechende Talente immer wieder, sich in die USA abzusetzen, um in der Major League Baseball (MLB) ihr Glück zu machen. Im Mai wurden drei Kubaner zu langen Haftstrafen verurteilt, weil sie Baseballspielern bei der Flucht in die Vereinigten Staaten geholfen haben sollen.

Trotzdem spielen in der MLB viele Kubaner wie Yoenis Cespedes (New York Mets), José Abreu (White Sox), Yasiel Puig (Dodgers) oder Aroldis Chapman (New York Yankees). Die kubanische Regierung beklagt die aus ihrer Sicht illegale Abwerbung von Spielern und will die Transfers in die USA über ein Abkommen regulieren.

Vom Profizirkus in den USA sind die blinden Baseballspieler in Havanna weit weg. Ihnen geht es vor allem um Spaß und die Leidenschaft für ihren Lieblingssport. „Die Emotionen beim Spiel sind die gleichen“, sagt Torres. „Der Unterschied ist, dass man als Blinder noch bessere Fähigkeiten entwickeln und sich mehr konzentrieren muss.“

Auch Frauen werfen mit

Einen Werfer gibt es beim Blinden-Baseball nicht. Der Schlagmann legt sich den Ball selbst vor. Im Inneren der Kautschuk-Kugel sind zwei Glöckchen, die klingeln, wenn der Ball in Bewegung ist. An den Bases klatschen Helfer in die Hände, um den Läufern bei der Orientierung zu helfen.

„Am Anfang habe ich nie getroffen. Aber meine Kameraden haben mir Mut gemacht“, sagt Yanieris Vegsa, die einzige Frau in der Gruppe. Als einmal ein Spieler fehlte, sprang sie ein. Seitdem will sie keine Partie mehr verpassen. „Ich freue mich jeden Tag, wenn ich das Trikot anziehen kann. Das macht mich sehr glücklich“, sagt sie.

Carlos Miguel Lorenzo Fuentes konnte als Kind wegen einer Augenerkrankung nicht mit seinen Kumpeln aus dem Wohnviertel Baseball spielen. Das Blinden-Team sieht er als seine zweite Chance. „Ich bin super motiviert. Das ist der Traum, den ich mir als Kind nicht erfüllen konnte.“

Eine Gruppe Italiener brachte den Baseball für Blinde im Jahr 2000 nach Kuba. Jetzt hoffen die Spieler, dass die Disziplin in das Programm der Paralympischen Spiele aufgenommen wird. Dafür muss es allerdings mindestens zwei Nationalmannschaften pro Kontinent geben.

„Wenn man vom Blinden-Baseball spricht, glauben einem die Leute zunächst nicht, bis sie es sehen“, sagt Trainer Carmona. „Kuba ist genetisch für den Baseball geschaffen, wir sind für diesen Sport geboren“. Auch für den Spieler Fuentes gehört der Baseball zur nationalen Identität: „Wer in Kuba nicht weiß, was Baseball ist, ist kein Kubaner.“

Von Guillermo Nova und Denis Düttmann (dpa)