Schmerzen im Schienbein

Schienbeinkanten-Syndrom (11.03.2015)Es drückt, es schmerzt, und es dauert: Das Schienbeinkanten-Syndrom ist eine typische Läuferverletzung, die nicht leicht zu behandeln ist. Einlagen oder Physiotherapie können helfen. Doch vor allem ist eine Sportpause sinnvoll – womit sich manche Betroffene schwertun.

Druckgefühl und Schmerzen im Schienbein: Wenn Läufer mit diesen Beschwerden zu Ingo Tusk kommen, dann weiß der Orthopäde, dass es mit ein paar medizinischen Handgriffen in der Regel nicht getan ist. Denn das können Anzeichen für das Schienbeinkanten-Syndrom sein. “Diese Patienten sind schwierig zu behandeln, weil es lange dauert, bis die Beschwerden weg sind”, sagt der Chefarzt der Abteilung Sportorthopädie und Endoprothetik an den Frankfurter Rotkreuz-Kliniken. “Man muss dem Sportler auch von Anfang an sagen: “Das ist keine Sache, bei der man eine Spritze gibt und alles ist wieder gut.” Da muss man wirklich an den Rädchen drehen.”

Besonders Läufer bekommen die Shin Splints, wie die Verletzung auch genannt wird. “Das ist ein typisches Laufbelastungssyndrom”, erklärt Tusk. Eher selten leiden auch Triathleten oder Tänzer darunter.

Die Patienten sprechen laut Patrik Reize, Ärztlicher Direktor der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Klinikum Stuttgart, von einem diffusen Druckgefühl am Unterschenkel. Es trete oft an der Innenseite des Schienbeins auf, manchmal auch außen. Der Schmerz kommt zunächst zum Beispiel nach dem Beginn eines Laufes und bleibt bis zum Ende der Belastung. Die Schmerzen können auch Stunden oder Tage danach noch anhalten. Irgendwann werden sie dann so stark, dass man das Training abbrechen muss.

Schmerzen beim Sport

Der Schmerz ist da, wo der Muskel an der Knochenhaut der Schienbeinkante ansetzt, wie Tusk erklärt. Bei manchen stehe er im Zusammenhang mit dem Fußgewölbe. Dieses wird vom hinteren Schienbeinmuskel, dem Musculus tibialis posterior, aufgespannt. “Wenn das Gewölbe zu flach ist, kann ein Ansatzschmerz am Knochen entstehen, der nur mühsam zu behandeln ist. Denn alles, was knochennah ist, ist schlecht durchblutet. Daher kommt die lange Behandlung.” Doch auch eine sportliche Überbelastung durch zu viel Training oder einen zu geringen Fitnessgrad könne zu einer Entzündung am Ansatz der Muskelsehne am Knochen führen.

Reize nennt daher als Klassiker unter den Betroffenen den schlecht trainierten, vielleicht übergewichtigen, aber ehrgeizigen 40-Jährigen, der nach einer längeren Pause wieder mit dem Laufen beginnt und zu schnell zu viel erreichen will. Genau das verzeihe der Körper aber häufig nicht. Die zweite Gruppe sind laut Reize Extremsportler, die sehr häufig oder sehr lange trainieren.

Wichtig ist, möglichst früh zum Arzt zu gehen, bevor das Syndrom chronisch wird. Genau das aber machen viele nicht, wie Reize sagt. “Die Patienten berichten, wenn sie dann mal in die Sprechstunde kommen, von irgendeiner Belastungssituation, in der es begonnen hat. Weil sich aber der Schmerz nach der Belastung meistens wieder zurückbildet, brauchen sie eine Weile, um zum Arzt zu gehen.”

Der Körper braucht eine Pause

Um eine Verstetigung der Beschwerden zu verhindern, wird zunächst häufig Schonung – das heißt eine Sportpause – empfohlen. Aber das fällt besonders Menschen schwer, die gerade den Sport (wieder-)entdeckt haben, wie Reize betont. Zudem ist meistens Physiotherapie das Mittel der Wahl. “Dabei kann man die Triggerpunkte behandeln. Das muss in erfahrene Hände, denn das ist nicht ganz einfach”, sagt Tusk. “Liegen die Ursachen der Schmerzen im Fußgewölbe, dann ist erst einmal eine Einlagenversorgung sinnvoll, um das Gewölbe zu schützen und eine Fußfehlstellung auszugleichen.” (Siehe: “Knubbelige Schmerzauslöser”)

Zudem sollte überprüft werden, ob der Patient in den richtigen Schuhen läuft oder vielleicht ein anderes Modell braucht. Gegebenenfalls muss auch das Training angepasst werden. Patrick Befeldt von der Deutschen Fitnesslehrer Vereinigung (DFLV) rät zusätzlich dazu, die Muskulatur am Sprunggelenk zu trainieren, um die Füße zu stabilisieren. Auch Dehnungsübungen sind wichtig, um die Wade beweglich zu halten. “Und generell würde ich es begrüßen, wenn Läufer vorbeugend ein begleitendes Kraft- und Koordinationstraining machen.”

Das Schwierigste bei einem Schienbeinkantensyndrom sei jedoch, “die Leute auszubremsen”, erklärt der 43-Jährige, der auch eine sporttherapeutische Ausbildung durchlaufen hat. “Denn ganz entscheidend ist: Es muss ausheilen.” Das Laufen sollte man also erst einmal sein lassen – das scheitert aber manchmal am Ehrgeiz.

Um solche Beschwerden von vornherein zu verhindern, ist es sinnvoll, nicht einfach loslaufen, erklärt Befeldt. “Man sollte langsam und systematisch anfangen zu laufen und sich für das Training möglichst einen Plan von einem Spezialisten machen lassen.” Dann ist die Verletzungsgefahr deutlich geringer.

Die Zeit heilt alle Wunden

Doch schmerzen die Schienbeinkanten erst einmal, dann dauert die Behandlung in aller Regel bis zu sechs Wochen. Es kann aber auch mehr Zeit nötig sein, wenn der Sportler den Orthopäden erst spät aufsucht.

“Mit diesen Patienten muss man sich Zeit lassen”, sagt Patrik Reize. “Bei ihnen ist es wichtig, die ganze Differentialdiagnostik im Gespräch abzuklopfen.” Denn gerade weil die Schmerzen so diffus sind, dauere es häufig eine Weile, bis man die Diagnose Shin Splints stellen kann

Von Matthias Jung (dpa)