Allein unter Frauen: Anorexie bei Männern

Anorexie bei Männern: "Magersucht ist ähnlich wie Alkoholismus"

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Magersucht, typisch Frau? Dass Männer an einer Essstörung leiden, ist selten, aber kein Sonderfall. Das stellt Therapieeinrichtungen vor ein Problem: Allein unter Frauen fühlen sich die Betroffenen nicht immer gut aufgehoben.
Ein Gastbeitrag von Nora Burgard-Arp

Monatelang führte Stephan Will einen Wettbewerb. „Gegen mich selbst“, sagt er. „Die Waage war dabei mein bester Freund.“ Stephan ist magersüchtig. Immer wieder setzte sich der 46-jährige Rettungsfahrer ein neues Zielgewicht. Hatte er eines erreicht, fühlte er sich besser – und legte ein neues, noch niedrigeres fest. 30 Kilo nahm er so ab, in nur drei Monaten.

„Ich hatte eine schlimme Zeit hinter mir“, erzählt er. Er musste einen Mann auf der Straße reanimieren. „Ich konnte ihn nicht retten. Das war alles zu viel für mich.“ Stephan zog sich komplett zurück. Aus dem Alltag und von seiner Familie. Stundenlang saß er alleine im Bad und hörte Musik. Er aß kaum noch, trank dafür umso mehr Alkohol. „Nach einer halben Flasche Rum war es mir auch egal, wenn meine Familie wütend war oder vor Sorge um mich weinte.“

Dass er an Anorexia nervosa erkrankt sein könnte, kam ihm nicht in den Sinn. Eine Freundin war es, die zum ersten Mal von Magersucht und Depression sprach und ihm auch klarmachte, dass er Hilfe bräuchte. Schließlich machte Stephan zwölf Wochen lang eine stationäre Therapie.

„Andere Jungs in meinem Alter sahen ganz anders aus“

Den exzessiven Kampf gegen seinen eigenen Körper kennt auch Julian. Der 24-Jährige, der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte, erkrankte mit 17 Jahren an Magersucht. Auch er suchte immer wieder das Erfolgserlebnis: Noch eine Stunde länger joggen, ein Kilo mehr verlieren. Zwar fühlte er sich irgendwann unattraktiv und vor allem unmännlich. „Ich schämte mich dafür, so dünn zu sein“, sagt Julian. „Andere Jungs in meinem Alter sahen ganz anders aus.“ Trotzdem hungerte er weiter, bis er stark untergewichtig mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 17 in eine Spezialklinik kam.

Dass Männer an einer Essstörung erkranken, ist selten, aber kein Sonderfall mehr. Schätzungsweise zehn bis 15 Prozent der Betroffenen sind inzwischen männlich. „Männer und Frauen unterscheiden sich vor allem im Alter der Erkrankung“, sagt Elisabeth Rauh, Chefärztin der Schön Klinik Bad Staffelstein in Nordbayern und Vorsitzende des Bundesfachverband Essstörungen (BFE). „Der Großteil der Männer erkrankt zwischen dem 18. und 26. Lebensjahr. Frauen sind deutlich früher gefährdet.“

Der pubertäre Wachstumsschub von Mädchen beginne eher und sei deutlich schneller als bei Jungs, so Rauh. Sie bekämen Rückmeldungen zu ihrem langsam weiblich werdenden Körper, teils sexueller Art, oft wenn sie noch sehr jung seien. „Damit sind viele überfordert und deshalb anfälliger für eine Essstörung als Jungs im gleichen Alter.“ Bei den männlichen Patienten stünde außerdem weniger die Angst vor Fett und Kalorien im Vordergrund, sondern der Aufbau von Muskeln und der Wunsch nach einem männlichen Körper.

Männer sind in der Therapie von Essstörungen häufig die „Exoten“

Das Problem bei der Therapie: Obwohl männliche Magersucht keine Seltenheit mehr ist, sind Männer in Spezialkliniken häufig die „Exoten“. Auch Stephan und Julian saßen als einzige Männer bei der Gruppentherapie. „Obwohl ich die Frauen größtenteils verstehen konnte, und unsere Probleme ähnlich sind, kam es zu skurrilen Situationen“, erzählt Stephan. Etwa wenn die Patientinnen über ihre Problemzonen wie Bauch, Busen und Po redeten.

Manche Themen wie etwa die eigene Männlichkeit und Sexualität werden aus Scham gemieden. „Wie viele andere Essgestörte habe ich Angst zu versagen, vor allem beim Sex“, sagt Julian. „Doch in einem Raum voller Mädchen fragt man nicht mal eben: ‚Und, wie geht es euch damit?’“ Auch seine Einsamkeit und die Sehnsucht nach Nähe erwähnte er nicht. Zu groß war die Angst des damals 19-Jährigen, Schwäche zu zeigen oder unmännlich zu wirken

Elisabeth Rauh kennt diese Problematik. Sie hat sich deshalb entschieden, in ihrer Klinik keine Männer mehr zu behandeln. „Wir haben nur 50 Betten und mit ein bis zwei männlichen Patienten im Jahr konnten wir keine Gruppen ausschließlich für Männer anbieten“, sagt Rauh. Spezifisch männliche Probleme blieben oft unausgesprochen. Deshalb sei es schwer, jeden Patienten mit seinen unterschiedlichen Krankheitsfaktoren individuell behandeln zu können. „Das ist bei einer derart komplexen Krankheit gesellschaftlich und therapeutisch ein großer Nachteil. Wir empfehlen den Männern dann immer das Angebot größerer Kliniken.“

Rückfälle sind immer möglich

Julian blieb 16 Wochen in der Klinik, direkt nach der Entlassung merkte er aber, dass die Magersucht immer noch zu stark war. Wieder trieb er extrem viel Sport und aß zu wenig. Nach einem zweiten Klinikaufenthalt kam er bei ANAD unter, einer Organisation, die therapeutische Wohngruppen für Menschen mit Essstörungen anbietet. In einer Gruppe ausschließlich für Männer schloss er die Schule ab. Heute macht er eine Ausbildung zum Ergotherapeuten.

Auch Stephan Will arbeitet wieder als Rettungsfahrer und schafft es, sein Gewicht zu halten. Obwohl er der einzige Mann in der Gruppentherapie war, hat sie ihm geholfen: Viele Themen seien letztendlich doch unabhängig vom Geschlecht, sagt er. Nach wie vor ist er jedoch auf therapeutische Hilfe angewiesen – einmal im Monat geht er zu einem Psychiater und alle 14 Tage zur Psychotherapie. Wie Julian ist er sich bewusst: „Anorexie ist ähnlich wie Alkoholismus. Es ist immer möglich, Rückfälle zu erleiden.“

 

Die Autorin

Nora Burgard-Arp arbeitet seit 2012 als freie Journalistin und Autorin. Sie schreibt u. a. für Zeit Online, Spiegel Online und Meedia und hat im Gabler Verlag das Buch “Co-Economy: Wertschöpfung im digitalen Zeitalter” veröffentlicht. 2014 hat sie das Wissenschaftsportal Anorexie – Heute sind doch alle magersüchtig ins Leben gerufen. Mit diesem Projekt hat sie eine Gegenbewegung zur Darstellung der Magersucht in der Presse gestartet und räumt mit Vorurteilen auf. 2015 war Burgard-Arp mit der Seite für den Grimme Online Award nominiert und Finalistin des Axel Springer Preises für junge Journalisten. Für ihre Reportage “Das gestörte Bild” ist sie außerdem mit dem Reportagepreis für junge Journalistinnen und Journalisten ausgezeichnet worden.
Dieser Beitrag ist auf Anorexie-heute und zuerst bei Spiegel Online erschienen.

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