Kalter Krieg – im Kampf mit dem eigenen Körper

Foto: picture alliance/Phanie

Sarah Klein ist magersüchtig. Aufgrund ihrer Essstörungen wurde die 25-Jährige bereits in einer Spezialklinik behandelt, sie ging zur Psychotherapie und lebte eine Zeit lang in einer betreuten Wohngemeinschaft. Heute wohnt die junge Frau allein. Die Krankheit überwunden hat sie noch nicht, doch es gelingt ihr immer besser, den Alltag zu meistern. Mit ihrem Blog „Alice ohne Wunderland“ will Sarah Klein über das Thema Essstörungen aufklären. Im folgenden Blog-Eintrag erzählt sie, was sie von dem Wort „Problemzone“ hält und warum der Begriff ihren Körper zum Schlachtfeld gemacht hat.

Als ich das erste Mal im Fernsehen das Wort „Problemzone“ hörte war ich acht Jahre alt. Ich kannte die Fußgängerzone, die zum Haus führte, in dem ich wohnte, die Straße nebenan, in der war eine Tempo-30-Zone und im Schulsport, bei Brennball, da gab es eine Feuerzone, die man nicht betreten durfte, selbst wenn man bereits abgeworfen wurde. Und wenn ich mit der S-Bahn in die Innenstadt fuhr, passierte ich genau fünf Zonen, weil ich in der Vorstadt wohnte. Was aber bitteschön war eine Problemzone?

Doch dann lernte ich, dass genau so eine Zone bereits auch in mir wohnte und sie wie eine Zeichnung ohne Schablone, meine Statur an all den falschen Stellen betonte, schräge Linien formte und zu meiner persönlichen Kampfzone wurde.

„Die Gummibärchen-Armee nahm die Oberschenkel ein“

Unproportioniert und hexagonal, unten zu breit und oben zu schmal, ausladende Hüfte, einladende Gelüste, ungleichgroße Brüste, Beine zu kurz und Arme zu lang und über alldem zu breit im Umfang. Die Liste wurde lang, zu lang.

Mit 13 wurde meine Problemzone zu einer Besatzungszone. Zu viel Schokolade und Pizza hatte es sich auf meinen Hüften bequem gemacht. Eiscreme hatte meine Oberarme erobert, eine Gummibärchen-Armee hatte meine Oberschenkel eingenommen. In der großen Schlacht von Salami erlagen die Diätjoghurts dem Vanillepudding. Die Fettzellen breiteten sich auf meinem Körper aus, beanspruchten die ganze Fläche für sich und bauten große, dicke, fette Mauern um ihr Areal.

Und doch gab es keinen Gewinner. Mein Körper erklärte den Kampf gegen sich selbst, geritten von blinder Zerstörungswut und Hass. Die Fronten waren verhärtet und schwabbelig zugleich. Meine Knochen versteckt hinter einer Wand, viel zu weich. Vielleicht war dieser Krieg von Anfang im Ungleichgewicht. Meine Arme, Beine und mein Herz im Bündnis, gemeinsam gegen meinen einsamen Kopf.

Mit 16 dauerte der Krieg bereits drei Jahre und hatte schon einige Opfer verlangt. Mit psychologischer Kriegsführung und Hinterlist hatte mein Kopf es geschafft, mehr als die Hälfte der mächtigen Fettzellen aufzufressen. Hatte sich angeschlichen und sich durch die Bauchdecke gebissen, riesige Stücke Fleisch herausgerissen, ohne Skrupel und ohne Gewissen. Hatte ganze Fetzen Haut geschluckt, gekaut und ausgespuckt. Hatte in pralle Backen gegriffen, sich die Zunge scharf mit Rasierklingen geschliffen. Hatte Waden mit Hobeln ausgehöhlt und sich die Gelenke mit Essig geölt, die Kehle mit Säure ausgespült und sich im kalten Winter die blauen Lippen mit Feuer gekühlt.

Der Körper wird zum Problem

Eine Fettzelle nach der anderen verendete kläglich und wurde von der Magensäure vom Schlachtfeld gespült. Manche kapitulierten und sprangen freiwillig über Bord. Vier Jahre später, der Kopf beherrscht nun mehr als 90 Prozent meines Körpers. Wo einst einmal Fettzellen waren, sind jetzt nur noch kleine rote Kreuze in die Haut geritzt.  Namenlose Gräber.

Für einen Waffenstillstand ist es zu spät. Schon lange hat der Kopf keine Feinde mehr zu fürchten, hat alle vernichtet und totgehungert. Mein Körper nunmehr nicht mehr eine Problemzone, sondern nur noch ein Problem. Knochen so hart wie altes Brot, an denen jede Kalorie abprallt wie ein Flummi vom Parkett. Es geht nicht mehr ums Gewinnen. Es geht um den größtmöglichen Schaden, den Supergau. Das Herz in seinem Bunker tritt mit letzter Kraft in die Pedale um weiterhin für Strom zu sorgen. Die Konservenreserven neigen sich dem Ende. Mit jedem Tag schlägt es ein bisschen langsamer, ein bisschen weniger.

Der Kopf hingegen rechnet fleißig weiter, unermüdlich und wacher wie nie zuvor. Addiert negative Kalorien, entwickelt neue Strategien um den Körper weiter zu reduzieren und die Gedanken noch mehr zu infizieren, mehr zu infiltrieren, mehr und mehr Gewicht zu subtrahieren, weiter an die Unvernunft zu appellieren und im Kampf gegen sich selbst zu brillieren.

Das Herz klopft im ¾ Takt während der Kopf schreit: Ich will, dass meine Finger sich um meinen Oberarm schließen. Ich will, dass meine Hosen in Kindergröße wieder passen. Ich will, dass meine Wangen so hohl sind, dass meine Augen fast aus den Höhlen fallen. Ich will, dass wenn ich aufwache ein Bündel Haare auf dem Kissen ist. Ich will so leicht sein, dass wenn ich von der Brücke springe mein Körper einfach verschwindet, ohne Aufprall. Ich will, dass wenn sie mich beerdigen, sie sich fragen, ob im Sarg überhaupt noch etwas, jemand liegt.

Die Lücken zwischen den Rippen müssen gefüllt werden

Zwei Jahre später. Kopf verwundet im Lazarett. Verkabelt an Maschinen, in Schläuche  und Bandagen gewickelt. Eines nachts hat sich das Herz aus dem Bunker geschlichen, die Lichter angeschaltet und den Mund so weit aufgerissen, dass der Körper gar nicht anders konnte, als eine Portion Licht zu verschlucken. Hat gewürgt und geröchelt, hat versucht es hochzupressen, aber nichts hat funktioniert. Die ganze Nacht lag er da, auf dem kalten gefliesten Boden im Badezimmer, in Gebetstellung kniend vor dem Klo, aber nichts kam mehr raus.

Sarah Klein | Foto: privat

Ein Jahr später. Bin jetzt eine Trümmerfrau. Baue auf, was ich einst zerstörst habe. Die Lücken zwischen den Rippen fülle ich mit Kartoffeln und Brot. Ich lege mich auf die Leinwand aus Papier, strecke die Arme und Beine von mir, als sei draußen Winter und ich liege hier, im Schnee und forme einen Winterengel.  Ich sehe dabei zu wie die Ruine meiner zerstörten Heimatstadt neu bebaut wird. Es gibt hier jetzt sogar einen Kinderspielplatz. Wunden heilen, Bäume wachsen.

Nachkriegszeit.

Der Artikel „Kalter Krieg – ein Kampf gegen den eigenen Körper“ ist vorher auf Sarah Kleins Blog „Alice ohne Wunderland“ erschienen.