„Ich habe Jonas nie aggressiv erlebt“

„Ich habe Jonas nie aggressiv erlebt“

Foto: Redd Angelo/Unsplash

Ein Kind schwänzt die Schule, klaut sich von der Mutter Geld: Für Eltern eine schwierige Situation. Was sie in so einem Fall tun können und was hinter dem Verhalten stecken kann, darüber berichtet Psychotherapeutin Lena Kuhlmann anhand eines Falls aus ihrer Praxis.

Vor einiger Zeit kam eine Familie mit ihrem Sohn in meine Praxis. Jonas, 13 Jahre alt, hatte ziemlichen Ärger am Hals. Er stand kurz vor einem Schulverweis, weil er Mitschüler geschubst, getreten und Lehrer beleidigt hatte. Seine Noten waren auch nicht gerade berauschend, aber weil er nicht lernte und auch keine Hausaufgaben machte, war das nicht wirklich überraschend.

1. Die Eltern

Hatte Jonas einen schlechten Tag (und das kam oft vor) oder einfach keine Lust auf den Unterricht, trieb er sich im Einkaufszentrum rum. Zu Hause war die Situation auch nicht besser: Die Eltern bekamen wöchentlich schlechte Nachrichten aus der Schule, was oft zu Streitereien führte. Einmal bediente Jonas sich auch ungefragt an dem Portemonnaie seiner Mutter. Der Grund? Der 13-Jährige „brauchte“ Geld für Zigaretten. Ein Verfahren wegen Diebstahls in dem örtlichen Supermarkt war noch offen. Auch mit seinem älteren Bruder verstand Jonas sich nicht.

Die Mutter erlebte ihren Sohn meist aggressiv, es kam zu vielen Diskussionen und an Absprachen zu Hause hielt sich Jonas auch nicht. Ich bin zwar keine Hellseherin, aber die Wahrscheinlichkeit, dass Jonas mit diesem Verhalten bald noch viel größeren Ärger bekommt, sehe ich nicht so gering.

2. Die Diagnose

Der ICD-10 fasst die oben beschriebene Symptomatik als „Störungen des Sozialverhaltens“ zusammen. Im Grunde geht es um entgrenztes Verhalten wie Weglaufen, Schule schwänzen, Lügen, Zerstörung von Eigentum Anderer etc.. Gesellschaftliche Normen werden umgangen. Man unterscheidet auf den familiären Rahmen beschränkte Störungen von Störungen, die auch außerhalb der Familie auftreten. Die Symptomatik muss mindestens sechs Monate lang bestehen. Die Ursachen können vielseitig sein, aber oft geht damit ein Sozialisationsdefizit einher.

Um die Diagnose vergeben zu können, müssen die Patienten unter 18 sein. Aus dem klinischen Alltag kann ich sagen, dass deutlich mehr Jungen als Mädchen betroffen sind. Wird die Störung frühzeitig erkannt, können Elterntrainings in der Regel gut helfen.

3. Wie Jonas es sieht

Zurück zu Jonas. In einem Gespräch mit ihm alleine erfuhr ich, dass die Schule nicht seine einzige Baustelle war. Jonas erzählte mir auch, von der Situation zuhause: Der Vater wurde anscheinend oft gewalttätig gegen die Mutter und die sei zu schwach, um sich wehren zu können.

Im Gespräch mit den Eltern erfuhr ich außerdem, dass die Mutter seit zehn Jahren unter Depressionen litt und bereits einen Suizidversuch hinter sich hatte. Die gesamte Familiendynamik war tatsächlich sehr belastet.

4. Die Therapeutin

Ich habe Jonas in den vielen gemeinsamen Terminen nie aggressiv erlebt. Was ich hingegen spürte, war eine große Traurigkeit – eine, die er selbst wahrscheinlich niemals selbst hätte zugeben wollen.

Es war schnell klar, dass unterstützende Maßnahmen direkt in der Familie angesetzt werden müssen. Zusammen mit dem Jugendamt installierten wir auf Antrag der Eltern einen Familienhelfer. Der junge Sozialpädagoge kam zwei Mal in der Woche zu der Familie nach Hause und half den Eltern bei der Umsetzung von Regeln und Grenzen. Außerdem erkannten Vater und Mutter, dass sie im Hinblick auf eine konsequente, einheitliche Erziehungshaltung Unterstützung brauchen.

Mit Jonas arbeitete der Familienhelfer viel an seinem Selbstbewusstsein und versuchte, Ressourcen zu aktivieren. Wenig später ging Jonas dann auch wieder zu seinem Fussballverein und fand neue Freunde.

Ich sah Jonas alle 14 Tage und bot ihm den Raum seine Gefühle auszusprechen und seine Enttäuschungen, aber auch seine Wünsche loszuwerden.

Jonas hat viel an sich gearbeitet und auch in der Familie hat sich im Laufe der Zeit einiges geändert. Natürlich ist längst nicht alles in Butter, aber Jonas hat im Sommer seinen Hauptschulabschluss gemacht und alles in allem ist er auf einem richtig guten Weg.

 

Lena Kuhlmann | Foto: privat

Die Autorin

Lena Kuhlmann ist Therapeutin für Kinder und Jugendliche mit tiefenpsychologischem Schwerpunkt und lebt in Frankfurt am Main. Im September erscheint im Eden Verlag ein Sachbuch, in dem sie sich mit der Psyche auseinandersetzt. Der Beitrag „Ich habe Jonas nie aggressiv erlebt“ ist zuerst auf ihrem Blog „Freud mich – alles, über Psychotherapie“ erschienen.