„Bessere Ernährung statt Viagra“

Kommen Männer in die Wechseljahre? Was hat guter Sex mit Ernährung zu tun? „Es ist erstaunlich, wie wenig manche über ihren Körper wissen“, sagt die Neuropsychologin und Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning – und hat ein Aufklärungsbuch für Erwachsene geschrieben.

Redaktion: Was wollen Sie Menschen noch beibringen, die seit mehr als 30 Jahren Sex haben?

Ann-Marlene Henning: Eine meiner Patientinnen dachte, ihre Vagina sei ein empfindungsloser Hohlraum. Die Frau war über 40. Das ist doch erschreckend. Will ich guten Sex haben, muss ich meinen Körper kennen. Ich muss wissen, was mich erregt – das kann ich auch mit 70 noch lernen.

Genuss ist erlernbar?

Na klar. Fast jede dritte Frau hatte in ihrem Leben noch nie einen Orgasmus. Mit der richtigen Technik und etwas mehr Selbstvertrauen lässt sich das meist ändern. Besonders anhand der Wechseljahre wird deutlich, was an Wissen fehlt.

© 2012, Gunnar Meyer

© 2012, Gunnar Meyer

Zur Person

Ann-Marlene Henning ist Psychologin und arbeitet in Hamburg als Paar- und Sexualtherapeutin. Ihr neuestes Buch „Make more love: Ein Aufklärungsbuch für Erwachsene“ ist im September 2014 erschienen. Für den Internetauftritt zur Doku-Reihe „MAKE LOVE – Liebe machen kann man lernen“ wurde Henning für den Grimme-Online Award nominiert. Die fünfte Staffel der Doku startete am 29. August. Auf ihrem Video-Blog „doch noch“ klärt die Sexualtherapeutin weiter auf und freut sich über Themenwünsche.

Mit ihrer Menopause kennen Frauen sich doch aus.

Sollte man meinen. Tatsächlich schlucken viele einfach nur ihre Hormontabletten und denken, jetzt ist mein Sexleben vorbei. Selbst eine Freundin von mir – sie ist wie ich über 50 und obendrein Ärztin – dachte, sie würde durch die Menopause „austrocknen“.

Und das ist falsch?

Absolut. In der Vagina haben wir zwei verschiedene Flüssigkeiten. Bei einer der beiden führt die hormonelle Veränderung tatsächlich zu einer geringeren Produktion. Dadurch das trockene Gefühl in der Scheide. Die andere Flüssigkeit entsteht aber durch Erregung. Da ist es völlig egal, ob ich 20 oder 80 bin.

Wenn der Testosteronspiegel sinkt

Was müssen Männer lernen?

Erst einmal, dass auch sie in die Wechseljahre kommen. Bei ihnen nennen wir das übrigens „Andropause“. Nach der Pubertät fällt der Testosteronspiegel eines Mannes kontinuierlich ab. Ungefähr mit Mitte 30 ist er dann so niedrig, dass einige Männer die Veränderung spüren. Ab 50 merken es fast alle. Das heißt eine harte und standfeste Erektion zu bekommen und vor allem zu halten, fällt ihnen immer schwerer. Eine Tatsache, die viele nicht wahrhaben wollen.

Und kann Mann etwas dagegen tun?

Ja. Den Beckenboden trainieren und seinen Körper besser kennenlernen. Eine Erektion hängt nicht nur mit der Durchblutung, sondern auch der Muskulatur und der Anspannung zusammen. Der Effekt von Beckenboden-Übungen ist mitunter sogar größer als der bei der Einnahme von Viagra. Da allerdings kaum ein Mann weiß, dass er in die Andropause kommt, geht er mit den Symptomen häufig falsch um.

Wie meinen Sie das?

Durch die Veränderung des Hormonhaushaltes schlafen viele Männer schlechter. Sie fühlen sich unruhig und sind niedergeschlagen. Gehen sie dann zum Arzt, diagnostiziert er in der Regel eine Depression, im besten Fall ein Burnout. Dabei braucht der Körper meistens nur Zeit, um sich auf die Veränderung einzustellen, und keine Antidepressiva.

Gesunde Ernährung fördert die Potenz

Womit kommen die Menschen am häufigsten in Ihre Praxis?

Klassisch sind tatsächlich Probleme mit dem Orgasmus. Oder dass der Mann zu früh kommt. Zugenommen hat auch die Zahl der Paare, bei denen zumindest einer von beiden einfach keine Lust mehr auf Sex hat. Bei Männern um die 50 ist das besonders auffällig. Einige befriedigen sich nicht mal mehr selbst.

Woran liegt das?

Wesentlich an der Ernährung.

Das müssen Sie erklären.

Alkohol und Fett. Beides sorgt dafür, dass der Körper mehr Östrogene bildet und das bringt den Hormonhaushalt des Mannes aus dem Gleichgewicht. Hinzu kommen die Östrogene, die in PET-Flaschen und Plastikverpackungen stecken. In Amerika bieten viele Sexualtherapeuten sogar schon Ernährungsberatung an. Keine Lust auf Sex ist hier tatsächlich ein gesundheitliches Problem.

Statt Sexratschläge verordnen Sie dem Mann also eine Diät. Fühlt er sich da ernst genommen?

Glaubt er mir nicht, schicke ich ihn zum Hormontest. Dann hat er es schwarz auf weiß.

Dem Partner in die Augen schauen

Müssen wir denn immer Lust auf Sex haben?

Natürlich nicht. Gerade Paare, die seit mehr als 30 Jahren zusammen sind, haben schon mal Durststrecken. Das ist vollkommen in Ordnung. Oft ist es allerdings so, dass der eine will und der andere nicht. Und dann haben wir ein Problem.

Was lässt sich da machen?

Ich probiere Neues aus – damit meine ich nicht das Kamasutra. Oft reicht es schon, wenn ich beim Sex einfach mal die Augen aufmache und meinen Partner ansehe. Das ist übrigens etwas, das wir grundsätzlich – und nicht nur im Bett – häufiger tun sollten: Uns wirklich anschauen.