„Da darfst du dich jetzt nicht reinsteigern“

© Markus Tedeskino

© Markus Tedeskino

„Háwar – Meine Reise in den Genozid“ – ist eine Dokumentation über die Jesiden, die vor den Terrormilizen des „Islamischen Staates“ auf der Flucht sind. Für den Film reiste die Journalistin und Filmemacherin Düzen Tekkal in das Krisengebiet. Zurück zu Hause erzählt sie uns, wie sie das Erlebte verarbeitet.

Redaktion: Wie haben Sie sich auf die Reise vorbereitet?

Düzen Tekkal: Technisch gesehen mit einer guten Recherche und einer noch besseren Planung. Vor allem aber musste ich mich mit meinen Ängsten auseinandersetzen. Will ich das wirklich? Kann ich das? Das war ungemein wichtig. Bin ich im Kopf klar, funktioniert auch der Rest.

Das klingt erstaunlich abgeklärt.

Tatsächlich war ich körperlich nie gesünder, geistig nie fitter als während meiner Zeit im Nordirak und in Syrien. Ich wusste, was ich tat und dass es das Richtige war. Auch wenn es komisch klingen mag: Ich habe mich mit mir überraschend gut gefühlt.

Eine Art Katharsis?

Ich weiß nicht, ob dieser Begriff den Grausamkeiten, die ich gesehen habe, gerecht wird. Aber ja, Krieg reduziert das Leben auf das Wesentliche. Zurück in Deutschland bin ich ein anderer Mensch geworden.

Gefühle bewusst verdrängt

Wie sind Sie heute?

Entschlossener. Heute fällt es mir viel leichter, Entscheidungen zu treffen. Statt mit Kommas, spreche ich mit Punkten und Ausrufezeichen.

In einem Interview sagten Sie auch, Sie seien wütend.

Wut ist eine starke Triebfeder. Vor Ort habe ich meine Gefühle bewusst verdrängt.

Haben Sie ein Beispiel?

Im Sindschar-Gebirge im Nordirak brach eine schwangere Frau vor meinen Augen zusammen. Sie hatte seit Tagen nichts getrunken und starb. Ich wusste: „Da darfst du dich jetzt nicht reinsteigern.“ Es klingt hart, aber Trauer und Verzweiflung helfen einem in solch einer Situation nicht weiter. Das gleiche gilt für die Erlebnisse, von denen mir die Menschen berichten.

Woher nehmen Sie diese Kraft?

Ich glaube, das ist eine Typfrage. Schon als Kind war ich mir meiner selbst ziemlich sicher. Journalistin wollte ich werden, noch bevor ich wusste, wie man das Wort schreibt. Mit 17 zog ich von zu Hause aus, ohne es vorab mit meinen Eltern Bescheid zu besprechen. Ich wusste, dass sie von meinem geplanten Studium nicht begeistert gewesen wären, und hatte keine Lust auf Diskussionen.

Und dann ist da noch Ihre Oma.

Sie ist 107 Jahre alt, hat den Ersten Weltkrieg miterlebt und ist eine außergewöhnlich starke Frau. Als meine Eltern in den 1960er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, ging sie mit. Wenn ich von der Schule nach Hause kam, saß sie mit ihrem langen Holzstock vor der Tür und passte auf, dass kein Fremder hereinkam. Ich muss nur an sie denken und schon fühle ich mich besser.

Háwar.help

Um den Frauen, Männern und Kindern der jesidischen Religionsgemeinschaft im Nordirak und in Syrien zu helfen, gründete die Journalistin Düzen Tekkal den Verein Háwar.help. Der Verein klärt über die Verfolgungssituation der Jesiden auf, mischt sich in aktuelle politische Diskussionen ein und will die Chancen der Verfolgten auf Bildung und Teilhabe in ihren Heimatländern stärken. Der Verein arbeitet gemeinnützig und wird über Spenden finanziert.

Der Film brachte den Krieg nach Hause

Wie haben sich Ihre Eltern zu dem Film-Projekt gestellt?

Mein Vater meinte nur: „Da lasse ich dich nicht alleine hin. Ich komme mit.“ Anfangs war ich wenig begeistert. Heute bin ich für seine Unterstützung sehr dankbar. Mir hätte nichts Besseres passieren können. Er hat viele Türen geöffnet.

Wie das?

Mein Vater hat in Deutschland den ersten jesidischen Verein gegründet und sich später bei Amnesty International für dieses kleine, vom Völkermord bedrohte Volk engagiert. Deshalb hat er sich auch in Syrien und im Nordirak einen guten Namen gemacht.

Wie ist das für Ihre Mutter, Tochter und Mann im Kriegsgebiet zu wissen?

Für sie ist das hart. Ebenso wie für meine acht Geschwister. Mit meiner Entscheidung, das Schicksal der Jesiden vor Ort zu dokumentieren, habe ich den Krieg auch zu uns nach Hause gebracht.

Bereuen Sie Ihre Entscheidung?

Nein. Dafür ist das Thema zu wichtig. Tatsächlich plane ich eine Trilogie. „Háwar“ dokumentiert den Völkermord. Danach kommt „Hey“, die Rache. Dann „Noun“, die Vergebung.

Wird es denn Vergebung geben?

Ich hoffe es. Um vergeben zu können, braucht es erst mal eine richtige Anklage. Diese hat „Háwar“ formuliert.

 

Schreiben hilft, das Erlebte zu verarbeiten

Die Kriegsreporterin Carolin Emcke meint in ihrem Buch „Weil es sagbar ist“, dass Gewalt nicht nur den Körper, sondern auch die Sprache ihrer Opfer verändert.

Ich habe einen jungen Mann kennengelernt, der gerade von der syrischen Front kam. Er konnte nur noch stottern. Ihm fehlten buchstäblich die Worte, um seine Erfahrungen zu beschreiben.

Und bei den Kindern?

Natürlich verhalten sich nicht alle gleich. Insgesamt war ich aber überrascht, wie viele reden wollten. Manche hielten richtige Monologe, formulierten Anklagen, verurteilten die Männer, die ihre Eltern umgebracht hatten, klagten die Welt dafür an, sie im Stich gelassen zu haben. Als sprächen Erwachsene. Noch heute durchzuckt es mich, wenn ich an sie denke.

Schreiben hilft mitunter, Traumatisches zu verarbeiten. Ist das beim Schneiden eines Films ähnlich?

Die Bilder eines Filmes sind sehr direkt. Im Schnitt ist es so, als würde man die Dinge erneut erleben. Schreiben ist ein innerer Prozess, in dem man sich stark mit sich selbst auseinandersetzt. Für mich sind die Bilder eine erneute Konfrontation, die mich antreibt weiterzumachen. Schreiben hilft mir, das Erlebte loszulassen. Tatsächlich schreibe ich gerade ein Buch.

Als Therapie?

Anfangs wollte ich das Thema aus einer anderen Perspektive beleuchten. Inzwischen spüre ich tatsächlich einen therapeutischen Effekt. Wie angespannt ich die ganze Zeit war, merke ich erst, seitdem der Druck nachlässt.