„Die Zeit zwischen den Mahlzeiten fühlte sich ewig lang an“

„Die Zeit zwischen den Mahlzeiten fühlte sich ewig lang an“

David, Jakob und Bart (v. l. n. r.) auf ihrer Reise zur französischen Atlantikküste. © Artvid Productions

Nicht hören, nicht sehen, nicht sprechen – David hat genau das erlebt. Zusammen mit seinen Freunden Jakob und Bart reiste er vom Bodensee bis an den Atlantik. Reihum verzichtete jeder eine Woche lang auf einen seiner Sinne. Aus dem Experiment entstand der Dokumentarfilm „Drei von Sinnen“. Seit dem 15. Juni 2017 ist er in den Kinos. Uns erzählt David, wie er die Reise erlebt hat und warum das Experiment nicht nur positiv aufgenommen wurde.

Redaktion: In der ersten Woche trugst du Kopfhörer, Bart durfte nicht sprechen und Jakob wurden die Augen verbunden. Wie kamt ihr auf die Idee, euch auf der Reise derart einzuschränken?

David: Es war eigentlich eine Schnapsidee – nur ohne Schnaps. Bart und ich hatten uns lange übers Reisen unterhalten. Dann rief er mich eines nachts um drei Uhr an und kam auf die Idee, wie die drei Affen zu reisen, die sich mal die Ohren, mal die Augen und mal den Mund zuhalten. Als wir Jakob von unseren Plänen erzählten, war er sofort begeistert. Freunde meinten schließlich, wir sollten den Trip mit der Kamera dokumentieren.

Wie habt ihr den Film finanziert?

Über eine Crowdfunding-Kampagne im Internet. Unser Budget war klein, aber es hat gereicht. Für die Postproduktion gab es dann noch eine Filmförderung.

Wenn aus einem Hungergefühl ein existenzielles Problem wird

Jakob war in den ersten Tagen, als er nichts sehen konnte, ziemlich schlecht gelaunt. Er blieb viel im Zelt, lag herum, beschwerte sich über die zu kalten Ravioli …

Das war in der Tat anstrengend. Im Nachhinein kann ich sein Verhalten jedoch verstehen. Gleich als Erstes auf das Sehen zu verzichten, ist eine ziemliche Herausforderung. Er musste die alltäglichsten Dinge neu lernen, war ständig auf Hilfe angewiesen, konnte sich anfangs nicht mal die Zahnpasta selbst auftragen. Das Nicht-Sehen ist aber auch interessant: Gut 80 Prozent unserer Sinneseindrücke nehmen wir über die Augen auf. Fallen die weg, werden die anderen Sinne plötzlich freigelegt.

Das klingt eigentlich positiv. Man nimmt seine Umwelt also intensiver wahr.

Aber auch den Hunger. Ist die Welt um einen herum auf einmal komplett dunkel, vergeht die Zeit langsamer und die Abstände zwischen den Mahlzeiten fühlen sich ewig lang an. Ist man dann noch darauf angewiesen, dass die anderen für einen kochen, wird aus einem Hungergefühl schnell ein existenzielles Problem.

„Die Zeit zwischen den Mahlzeiten fühlte sich ewig lang an“

Trotz anfänglicher Schwierigkeiten hat am Ende die Kommunikation besser funktioniert. © Artvid Productions

Ist dir das Nicht-sehen-Können auch am schwersten gefallen?

Nein. Bei mir war es die Zeit, in der ich nicht Hören konnte. Da fühlte ich mich von Bart und Jakob getrennt, von der Umwelt abgeschnitten, war einsam. Gleichzeitig musste ich zwischen Bart, der nicht sprechen und Jakob, der nicht sehen konnte, vermitteln und zum Beispiel vorlesen, was der, der nicht reden konnte, geschrieben hat. Das war echt anstrengend. Damit wir wirklich nichts hören können, haben wir vor der Reise auf den Kopfhörern noch ein leichtes Rauschen installiert – zwischendurch hat mich das echt irre gemacht.

Du hast an anderer Stelle gesagt, dass ihr euch auf den Film nicht vorbereitet habt. Wie kommt es, dass ihr alle Gebärdensprache beherrscht?

Das, was wir im Film sprechen, ist tatsächlich keine Gebärdensprache, sondern das normale Handalphabet. Bart kannte es noch aus der Grundschule. Die Szene, wie er es uns beibringt, ist nur nicht im Film gelandet.

Bei dem Experiment ging es nicht um das Thema Behinderung

Auf der Reise trefft ihr eine ältere Frau. Sie hat einen mehrfachbehinderten Sohn und wirft euch vor, Behinderungen zu verharmlosen.

Ich kann ihre Kritik verstehen. Sie nahm an, wir würden diese Reise für Menschen mit Behinderung machen. Das war aber nie unser Anspruch. Uns ging es bei dem Experiment nicht um das Thema Behinderung, sondern um die Selbsterfahrung. „Wie nehme ich Menschen ohne Augenlicht wahr?“, „Schaffe ich es, eine Woche lang nicht zu sprechen?“, „Was macht es mit mir, ständig auf Hilfe angewiesen zu sein?“ Mittlerweile haben auch viele Menschen mit Sehbehinderungen den Film gesehen. Die Reaktionen waren sehr positiv.

Hat sich eure Freundschaft durch die Reise verändert?

Wir haben uns besser kennengelernt – auch durch die Konflikte. Das ist auch etwas, was ich persönlich aus dem Abenteuer mitnehme. Ich bin eigentlich ein sehr harmoniebedürftiger Mensch – auf der Reise habe ich gelernt, wie wichtig es ist, Konflikte zu thematisieren und sie gemeinsam zu lösen.

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