„Humor darf wehtun“

© Timm Ortmüller

© Timm Ortmüller

Der Komiker Martin Fromme ist seit seiner Geburt körperlich behindert. Auf der Bühne macht er nicht nur Witze über seinen „appen Arm“, sondern auch über andere Behinderungen. Uns erzählt er, wie das Publikum darauf reagiert, und warum er mit über 50 darüber nachdenkt, doch eine Prothese zu tragen.

Redaktion: Worüber können Sie nicht lachen?

Martin Fromme: Über Beleidigungen und Witze, die sich gegen Privatpersonen richten. Aber auch bei meinen Witzen müssen viele Menschen erst mal schlucken.

Warum?

Mein Humor ist sehr direkt und brachial, mitunter auch ein wenig skurril. An den müssen viele Zuhörer sich erst gewöhnen. Außerdem gibt es zwischen Menschen mit und ohne Behinderung nach wie vor zu wenige Berührungspunkte. Dass man bei Witzen über Behinderungen lachen darf, müssen viele Leute erst lernen.

Haben Sie ein Beispiel?

Der Klassiker: Ein Einarmiger geht in die Stadt und sucht einen Secondhand-Laden.

Den dürfte ich nicht erzählen.

Dass ich nur einen halben linken Arm habe, verschafft mir in dieser Hinsicht tatsächlich ein Privileg. Allerdings mache ich seit 30 Jahren Comedy. Meine Behinderung steht erst seit einigen Jahren im Vordergrund. Letztendlich braucht man als Komiker einfach das nötige Selbstbewusstsein, auch schwierige Themen anzusprechen. Humor darf wehtun.

Zur Person

Seit 30 Jahren steht Martin Fromme als Komiker auf der Bühne. 1986 gründete er mit seinem Kollegen Dirk Sollonsch die Stand-Up-Comedy-Show „Der Telök“. Später folgte „Para-Comedy“, ein Programm mit versteckter Kamera, bei dem Komiker mit einer körperlichen Behinderung Nichtbehinderte reinlegen. Seit 2011 moderiert Fromme „Selbstbestimmt“, eine Sendung des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR). 2012 erschien sein Buch „Besser Arm ab als arm dran“. Zu dem Buch gibt es ein gleichnamiges Solo-Programm, mit dem Martin Fromme seit Oktober 2013 durch Deutschland tourt.

Warum machen Sie Ihre Behinderung erst jetzt zum Thema?

Künstlerisch hat sie mich lange Zeit nicht interessiert. Die Geschichten, die ich zwischendurch über meinen „appen Arm“ erzählte, kamen allerdings sehr gut an. Die Leute wollten immer mehr davon und ich begann, über eine eigene Show nachzudenken. In Deutschland bin ich tatsächlich der einzige Komiker, der hauptberuflich Witze über Behinderungen macht.

 

Überkorrektheiten verstärken Berührungsängste

Woran liegt das?

Es gibt keine Fördermittel und die Medien – allen voran das Fernsehen – haben nach wie vor Angst, Behinderte zu zeigen. Die ARD drehte 2012 einen Spielfilm über Inklusion. Den Mut, Behinderte sich selbst spielen zu lassen, hatte das Erste nicht. Später hieß es, das wäre zu aufwendig und zu teuer.

Sie haben trotzdem Erfolg.

Stimmt. Aber selbst heute noch muss ich für viele meiner Auftritte kämpfen. Letztens wurde ich bei einer Show sogar kurzfristig wieder ausgeladen. Einen Verlag für mein Buch zu finden, der den Mut hatte sich dem Thema zu stellen, war wider Erwarten nicht so schwer. Aber dann boykottierten 95 Prozent der Buchhandlungen den Verkauf. Da hieß es anfangs immer: „Über Behinderung lacht man nicht.“ Dabei ist es ein miteinander übereinander lachen. Inklusiver geht´s nicht.

Und wie ist die Resonanz?

Super. Meine Zuschauerzahlen waren noch nie so hoch. Auch für das Buch bekomme ich unheimlich viele positive Zuschriften – und zwar auch von Behinderten.

Sie sagen „Behinderte“…

… Bezeichnungen wie „Menschen mit Behinderung“ oder „Menschen mit speziellen Fähigkeiten“ finde ich lächerlich. Solche Überkorrektheiten verstärken Berührungsängste und verhindern, dass wir uns unbefangen begegnen. Statt sich mit Begrifflichkeiten aufzuhalten, sollten wir lieber grundsätzlich respektvoll miteinander umgehen.

Sind Sie schon immer so offen mit Ihrer Behinderung umgegangen?

Ja.

Selbst in der Pubertät?

Für meinen Arm habe ich mich nie geschämt. Beim Handball ging ich sogar freiwillig ins Tor. Am Ende sah mein Stumpf zwar aus wie ’ne rote Presswurst, aber ich war der beste Torwart.

Eine Prothese fühlt sich an wie ein Verrat

Haben Sie niemals eine Prothese getragen?

In den 70ern hatte ich mal so einen Schaft mit zwei Fingern. Aber das war nichts für mich.

Gerade bei Prothesen hat sich die Technik enorm weiterentwickelt.

Das stimmt. Tatsächlich habe ich vergangene Woche eines dieser myoelektrischen Hightech-Modelle anprobiert.

Warum gerade jetzt?

Die Gesundheit. Heute, nach vielen Jahren, in denen ich keine Prothese getragen habe, gehe ich schief und habe starke Rückenschmerzen. Gegen diese einseitige Belastung soll die Prothese helfen. Außerdem habe ich seit einigen Wochen einen Tennisarm. Ist plötzlich auch der gesunde Arm nicht mehr einsetzbar, fühlt man sich schon ganz schön hilflos. Mal sehen, ob ich mir am Ende tatsächlich eine Prothese anfertigen lasse.

Was spricht dagegen?

Sie fühlt sich fremd an. Außerdem stehe ich zu meinem Arm. Eine Prothese kommt einem Verrat an mir selbst gleich. Letztendlich ist die Prothese jedoch nur ein Hilfsmittel. Hilft sie mir gegen die Schmerzen im Rücken, ist das gut. Nächste Woche probiere ich die Prothese ein zweites Mal an. Dann entscheide ich, wie es weitergeht.

Würden Sie die Prothese auch auf der Bühne tragen?

Ich hätte auf jeden Fall schon ein paar passende Geschichten auf Lager – aber die verrate ich noch nicht.