„Manche begleite ich ein Leben lang“

Thomas Bernstein vom Gesundheitshaus Watermann arbeitet seit 30 Jahren als Orthopädietechniker. Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Versorgung von Kindern mit Hand- und Unterarmprothesen. Uns erzählt er, wie er mit seinen kleinen Patienten umgeht und was ihm der Job bedeutet.

Redaktion: Wie alt sind die Kinder, wenn sie das erste Mal zu Ihnen kommen?

Thomas Bernstein: In der Regel zwischen drei und vier Jahre. Die meisten von ihnen werden mit verkürzten Extremitäten geboren. Es gibt aber auch Ausnahmen.

Und welche sind das?

Ein Junge hatte mit neun Jahren einen Unfall. Er kletterte auf ein Gerüst, fiel runter und blieb an der Schaukel hängen. Am Ende musste sein Arm amputiert werden. Ein anderer baute sich in den Ferien eine eigene Rakete. Den Rest können Sie sich ausmalen.

Macht es eigentlich einen Unterschied, ob Sie eine Prothese für ein Kind oder für einen Erwachsenen herstellen?

Genau wie bei Erwachsenen bekommen Kinder zumeist sogenannte myoelektrische Prothesen. Hochsensible Elektroden messen die Muskelkontraktionen beispielsweise im Unterarm und senden diese Daten an einen Mikroprozessor in der Prothese. Der errechnet daraus die Steuerungsimpulse für die künstliche Hand mit jedem einzelnen Fingerglied.

Die Technik ist eine Herausforderung

Das gilt doch sicher für Kinder genauso wie für Erwachsene.

Nur dass wir hier sowohl für die Mechanik als auch für die Computertechnik deutlich weniger Platz haben. Eine gute Kinderprothese erfordert noch mehr Präzisionsarbeit.

Bleiben wir bei der künstlichen Hand. Womit fangen Sie an?

Zuerst bekommt das Kind eine einfache Silikonhand. So kann es sich daran gewöhnen, dass da wieder etwas ist. Nach etwa zwei Jahren bekommt es die richtige Prothese. Dafür fertige ich einen Gipsabdruck des Armstumpfes an, messe die verbliebene Muskelkraft und erstelle ein detailliertes Computerbild. Auf dem Gips markiere ich dann die Stellen, an denen ich die Elektroden bei der Probehand anbringen muss.

© Lena Schlösser

© Lena Schlösser

Thomas Bernstein ist gelernter Koch. Aus gesundheitlichen Gründen musste er diesen Beruf früh aufgeben und machte eine Umschulung zum Orthopädietechniker. Das ist gut 30 Jahre her. Heute arbeitet er beim Gesundheitshaus Watermann. Seit 2014 gehört das Unternehmen zum Versorgungsnetzwerk Ihre Gesundheitsprofis.

Das klingt ziemlich technisch.

Für mich als Computer-Legastheniker war das anfangs eine echte Herausforderung. Als ich mit der Ausbildung zum Orthopädietechniker begann, hätte ich nie gedacht, dass ich es später mal mit raffiniertester Elektro- und Computertechnik zu tun haben würde. Tatsächlich macht mir diese Detailarbeit enorm viel Spaß.

Woher weiß ich, dass mein Orthopädietechniker diese Technik wirklich beherrscht?

Dazu gibt es beispielsweise den MyoBock Qualitätstandard des (Orthopädietechnik-)Herstellers Otto Bock. Bei uns ist das genauso wie bei den Restaurantbewertungen. Nur werden bei uns keine Sterne, sondern Hände vergeben – und zwar maximal fünf.

Ob er seine Prothese trägt, entscheidet jeder Patient selbst

Kinder wachsen unheimlich schnell. Wie oft müssen Sie die Prothesen anpassen?

Etwa alle zwei Jahre. In der Regel sehe ich die Kinder jedoch weitaus öfter.

Warum?

Kinder spielen, klettern, machen Blödsinn – dabei gehen die Prothesen schnell mal kaputt. Meistens reicht es jedoch, den kosmetischen Schutz auszutauschen. 

Was ist denn ein kosmetischer Schutz?

So wie wir Haut über unseren Sehnen und Muskeln haben, hat auch – bleiben wir bei dem Beispiel – die elektrische Hand einen Schutzmantel. Der ist aus Silikon, heißt „Kosmetikhandschuh“ und schützt Motor und Getriebe. Ist diese Haut kaputt, kann Wasser eindringen und die Mechanik schädigen. Es gab einen Jungen, dem musste ich tatsächlich alle sechs Wochen einen neuen Handschuh anfertigen.

Zahlt das die Krankenkasse?

Bei Kindern ja. Hier verstehen die meisten Kassen zum Glück, wie wichtig das Spielen für die Entwicklung eines Kindes ist und dass ein Fünfjähriger noch zu jung ist, um ständig auf seine Prothese zu achten.

Wollen überhaupt alle Kinder eine Prothese tragen?

Ich versorge momentan zwischen 20 und 25 Kinder. Die meisten tragen ihre Prothese gern und regelmäßig. Aber Sie haben recht: Am Ende entscheidet jeder selbst, ob er seine Prothese benutzt oder nicht – auch, wenn er noch klein ist. Ich versuche aber ganz eindeutig, das Kind zum Tragen zu motivieren.

Warum?

Unser Körper ist nicht umsonst so angelegt, dass wir alle Extremitäten und fast alle Organe zweifach haben. Ohne Prothese haben die Betroffenen spätestens mit 50 einen schiefen Rücken und entsprechende Schmerzen. Mit einer guten Prothese lassen sich diese Folgeschäden oft vermeiden.

Ein Job, der zufrieden macht

Wie überreden Sie Kinder, die keine Lust auf die Prothese haben?

Erst mal muss ich einen guten Draht zu ihnen aufbauen. Dann zeige ich ihnen, was sie mit der Prothese alles machen können. Etwa den Ball mit zwei Händen halten oder Fahrrad fahren. In der Regel muss ich die Kinder aber nicht lange überreden. Sie sind ohnehin sehr offen.

Offener als Erwachsene?

Die Erwartungen sind unterschiedlich. Erwachsene wollen mit ihrer Prothese alles machen, was sie zuvor mit ihrer Hand oder ihrem Arm konnten. Klappt das nicht wie erwartet, sind viele enttäuscht. Kinder sind eher überrascht, was die Prothese alles kann und freuen sich, Neues zu entdecken. Wenn Sie wissen wollen, wie das aussieht, schauen Sie sich das Video von Elias mit seiner Prothese an.

Mir vermittelt sich da eine enge Bindung zum Kind.

Auf jeden Fall. Es gibt Patienten, die ich seit über 20 Jahren betreue. Vor einem Jahr wechselte ich von Dortmund nach Bochum. Tatsächlich nehmen 90 Prozent meiner Patienten den längeren Weg in Kauf und kommen auch in die neue Werkstatt. Das macht mich sehr zufrieden.