„T-Shirts sind oft besser geschützt als unsere Medikamente“

„T-Shirts sind oft besser geschützt als unsere Medikamente“

© picture alliance/blickwinkel

Dass im Internet nicht selten gefälschte Arzneimittel verkauft werden, ist bekannt. Mittlerweile gelangen sie jedoch auch in deutsche Apotheken. Wie das möglich ist, deckt der Journalist Daniel Harrich in der ARD-Dokumentation „Gefälschte Medikamente – gepanscht, gestreckt, gefälscht“ und im Enthüllungsbuch „Pharma-Crime“ auf. Im Interview berichtet er, was in der Arzneimittelpolitik schiefläuft und fordert mehr Transparenz.

Die WHO schätzt, dass gut zehn Prozent der Medikamente weltweit gefälscht, gepanscht, über- oder unterdosiert sind. Betrifft das auch den deutschen Markt?

Ja. Hauptgefahrenquelle ist natürlich das Internet. Dort kann eigentlich jeder, der über ein wenig kriminelle Energie verfügt und Zugang zu einem Labor hat, Fälschungen verkaufen. Betroffen sind vor allem Lifestyle-Produkte wie Viagra, Appetitzügler oder Haarwuchsmittel. Aber auch in deutschen Apotheken werden immer mehr manipulierte Medikamente ausgegeben – denken Sie an den Fall in Bottrop.

Um Profit zu machen, hat ein Apotheker verdünnte Krebsmedikamente abgegeben. Ob Patienten zu Schaden gekommen sind, ist bislang unklar. Ist das nicht ein Extremfall?

Extrem ja, aber auch kein Einzelfall. Immer wieder ist davon die Rede, dass mittlerweile bis zu jedes hundertste Medikament in deutschen Apotheken und Krankenhäusern minderwertig oder gefälscht sein soll. Zuverlässige Zahlen gibt es jedoch nicht. Deshalb rate ich hier zur Vorsicht.

„T-Shirts sind oft besser geschützt als unsere Medikamente“

© Walter Harrich/diwafilm

Die meisten Wirkstoffe werden im Ausland produziert

Wie kann das sein?

Auf der einen Seite haben wir die gezielte Kriminalität wie etwa im Fall Bottrop, bei der Menschen Arzneimittel bewusst fälschen oder panschen, mit dem Ziel Profit zu machen. Um diese Strukturen zu bekämpfen, brauchen wir stärkere Kontrollen, beispielsweise durch Behörden und gesetzliche Krankenkassen. Außerdem müssen Polizei und Zoll besser ausgestattet werden. Institutionen wie Interpol, die ja für die Bekämpfung von Arzneimittelfälschungen zuständig sind, sollten für die Finanzierung ihrer Sondereinheiten nicht auf Gelder der Industrie angewiesen sein. Über Jahre wurde die Einheit zur Bekämpfung von Arzneimittelkriminalität durch einen Zusammenschluss mehrerer Pharmakonzerne mitfinanziert. Auf der anderen Seite steht die Auslagerung der Arzneimittelherstellung an Subunternehmen, wenn nicht gar an Sub-Sub-Sub-Unternehmen.

Weil Subunternehmen billiger produzieren.

Richtig. Tatsächlich werden bei manchen Medikamenten sogar über 80 Prozent der in Deutschland verwendeten Wirkstoffe mittlerweile in Ländern wie Indien und China hergestellt. Der Kostendruck kann dazu führen, dass die Subunternehmen Qualitätsansprüche aufweichen oder sogar die Wirkstoffe oder andere Inhaltsstoffe verdünnen.

Die Strukturen der Arzneimittelherstellung ähneln also denen der Textilindustrie?

Nur sind die Folgen gravierender: Tatsächlich produziert meines Wissens kein einziges Unternehmen die Wirkstoffe für hier gebräuchliche Antibiotika noch in Europa. Bricht etwa ein Handelskrieg aus, stehen wir schlecht da. Das soll keine Panikmache sein, nur müssen wir uns klarmachen, was auf dem Arzneimittelmarkt alles schiefläuft und welche Konsequenzen das haben kann.

Was sagen die Pharmafirmen dazu?

Nicht viel, jedenfalls nicht gegenüber Journalisten. Der Pharma-Lobby-Verband Pro Generika hat jedoch kürzlich eine Studie veröffentlicht, in der sie selbst beklagen, dass die Arzneimittelherstellung in Niedriglohnländern nicht sicher ist. Unter anderem forderten die Lobbyisten staatliche Fördergelder, um in Deutschland neue Produktionsstätten aufzubauen. Für mich klingt das stark nach Bankenrettung. Die entscheidende Frage ist jedoch nicht, warum die Pharmafirmen ihre Zulieferer nicht besser kontrollieren, sondern weshalb die Bundesregierung nicht aktiv wird. Hintergrundgespräche haben uns gezeigt: Die wissen alle, was los ist, nur traut sich noch keiner, etwas dagegen zu unternehmen.

„Unsere Arzneimittelpolitik grenzt an Idiotie“

Die Europäische Union hat 2011 die sogenannte EU-Fälschungsschutzrichtlinie erlassen. Daraufhin hat die ABDA Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände zusammen mit einer Gruppe von Pharmaverbänden „Securpharm“ gegründet. Diese Initiative hat ein System mit einem speziellen Strichcode entwickelt, mit dem Apotheker zukünftig prüfen können, ob eine Arzneimittelpackung tatsächlich „echt“ ist. Bringt das nichts?

Securpharm prüft lediglich die legalen Vertriebswege, das System – das übrigens erst 2019 bundesweit umgesetzt wird­ – richtet sich also gegen organisierte Kriminalität, gegen Verbrecher, die gefälschte Arzneimittel illegal in den Markt einschleusen. Und das ist ein guter Schritt, wenn auch relativ spät. Gegen Verunreinigungen und Panschereien, die beim Subunternehmer entstehen – also innerhalb der legalen Lieferkette – hilft der Strichcode hingegen nicht. Aber ich stimme Ihnen zu: Securpharm ist immerhin besser als gar nichts.

Was ist mit den Inspektionen der Produktionsstätten durch die deutschen und europäischen Kontrollbehörden, also dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA)?

Die sind meiner Meinung nach unzureichend. Die Beamten kündigen ihre Prüfungen in der Regel drei Monate im Voraus an. Aus China ist ein Fall bekannt, da wurde in dieser Zeit eine ganze Scheinfirma aufgebaut. In einem anderen Fall wurden die Inspekteure einfach zu einer anderen Fabrik geführt – die chinesischen Firmenschilder konnten die Beamten nicht lesen. In Deutschland, oder besser gesagt in der EU, ist scheinbar jedes H&M-Shirt „sicherer“ als unsere Arzneimittel.

Wie meinen Sie das?

Zahlreiche Textilhersteller statten ihre Kleidungsstücke mit einem Chip aus. Auf ihm ist gespeichert, wer es produziert hat und auch, wo und wann es hergestellt wurde. Selbst ein Ei ist inzwischen mit einem Strich- und/oder Nummerncode gekennzeichnet, über den man nachverfolgen kann, von welchem Bauernhof oder aus welcher Legehennenbatterie es stammt. Was wir in Sachen Arzneimittel brauchen, sind mehr Transparenz und strengere Regulierungen.

Auf den Arzneimittelpackungen sollte also genau vermerkt sein, welche Wirkstoffe enthalten sind und wer sie wo hergestellt hat.

Richtig. Dann kann der Verbraucher selbst entscheiden, ob er dieses Arzneimittel nehmen will oder ein anderes.

Nachfragen, woher das Medikament kommt

Was können Patienten heute schon tun, um sicherzugehen, dass ihr Antibiotikum oder ihr Schmerzmittel nicht gefälscht ist?

Nachfragen, woher es kommt. Kann ihnen der Arzt oder Apotheker darauf nicht antworten – und das wird so sein – sollten sie sich bei ihrer Krankenkasse oder ihrem Wahlkreisabgeordneten beschweren. Je mehr Menschen das tun, desto stärker wird der Druck – und ohne den wird sich das System nicht ändern.

Und was soll ich tun, bis es soweit ist? Mein Herzmedikament lieber nicht nehmen?

Nein, so weit würde ich auf keinen Fall gehen. Grundsätzlich ist es in Deutschland immer noch exponentiell wahrscheinlicher, von einem Auto überfahren zu werden, als in der Apotheke ein gefälschtes Medikament ausgehändigt zu bekommen. Damit es so bleibt, müssen wir aber auch aufpassen und dranbleiben. Von Käufen im Internet sollten Sie allerdings wirklich ablassen.