Verstehen Sie Fuss?

Jeder fünfte Deutsche trägt orthopädische Schuheinlagen. Doch die Versorgungskette ist lang und fehlerhaft. Ein Orthopäde und ein Orthopädieschuhmachermeister – die eine überraschend unterschiedliche Sicht haben ­– erklärten uns, wo die Probleme bei der Einlagenversorgung liegen, und worauf Patienten in der Beratung achten sollten.

Verordnet der behandelnde Arzt Einlagen, vertraut der Patient gewöhnlich dessen Diagnose und geht davon aus, dass er die für ihn richtigen Einlagen bekommt – manchmal zu Unrecht. „Gerade in der Versorgung mit Schuheinlagen läuft eine Menge schief“, weiß Dr. René Thomas, Facharzt für Orthopädie und Rheumatologie in Wandlitz, der auch in der Meoclinic Berlin Sprechstunden abhält. Schuld sind seiner Meinung nach jedoch meist nicht die jeweiligen Versorger, sondern das zergliederte Versorgungssystem (siehe Infografik).

Wozu Einlagen?

Einlagen gibt es zum Zehenwärmen im Winter oder zur Beseitigung von Fußgeruch. Die meisten werden jedoch nicht nur zur Steigerung des Wohlbefindens getragen, sondern aus medizinisch-therapeutischen Gründen. Bei der Behandlung von Fußfehlstellungen werden deshalb sogenannte orthopädische Schuheinlagen eingesetzt.

Im Alltag geschieht Folgendes: Der Arzt verordnet Einlagen und stellt ein Rezept aus. Dann geht der Patient ins Sanitätshaus seiner Wahl. Dort erstellt eine Sanitätsfachkraft einen professionellen Fußabdruck. Anschließend wird der Abdruck samt Rezept in die orthopädische Schuhwerkstatt geschickt. Abhängig vom Messverfahren geschieht dies entweder elektronisch oder per Post.

Sichergehen, dass die Einlage passt

Was beim Anpassen der Einlage in der Werkstatt häufig fehlt, sind Angaben zum Schuhwerk. Ist der Schuh neu oder bereits nach innen abgelaufen? Kommt die Einlage in einen Turnschuh oder in einen Stiefel mit Absatz? „Fehlen diese Informationen“, meint Orthopädieschuhmachermeister Marcel Belling von der OTB, „kann es sein, dass die Einlage nicht passt.“

Solche Angaben stehen nicht auf dem Rezept. Damit die Informationen trotzdem ihren Weg in die Werkstatt finden, gibt es die Beratung im Sanitätsfachgeschäft. „Als Kunde muss ich hier auf jeden Fall gefragt werden, für welche Schuhe ich die Einlagen brauche und ob ich sie beim Sport oder bei der Arbeit trage“, sagt Belling. „Passiert das nicht, sollte ich die Wahl meines Fachgeschäftes überdenken.“

Wer auf Nummer sicher gehen will, reicht mit dem Rezept seine Schuhe gleich mit über den Tresen. Dieses Vorgehen werde zwar einige irritieren, meint der Meister, doch könnte so jeder sicher sein, dass die fertige Einlage zu Art und Form des Schuhes passt.

Eine andere, konventionellere Möglichkeit ist der persönliche Termin beim Orthopädieschuhmachermeister. Dann kann dieser die Angaben auf dem Rezept sowie den Fußabdruck prüfen und im direkten Gespräch dafür sorgen, dass ihm keine Informationen fehlen. „Nach so einer Qualitätskontrolle“, meint Belling, „kann in der Folgeversorgung nicht mehr viel schiefgehen.“ Gute Sanitätsfachgeschäfte bieten solche Schuhsprechstunden regelmäßig an.

Zusatzleistungen werden oft vergessen

Aus Sicht von Orthopäde Thomas gibt es ein weiteres Problem: „Viele orthopädische Werkstätten machen nicht unbedingt das, was der Arzt auf seinem Rezept verordnet.“ Auch fehlten Branchenstandards, wie sie etwa eine DIN- oder ISO-Norm vorgeben.

Messtechniken für Einlagen

Eine zuverlässige Messmethode ist der Abdruck im sogenannten Trittschaum. Bei der Erstellung des Abdrucks ist es besonders wichtig, dass die Zehen entspannt sind und die Fußsohlenfläche gleichmäßig in das Material gedrückt wird, das einer Blumensteckmasse ähnelt.

Die dynamische Fußdruckmessung ermittelt die Druckverteilung an der Fußsohle im Bewegungsablauf. Der Patient läuft über eine mit Sensoren ausgestattete Messplatte, die die Druckbelastung in der Bewegung erfasst. Häufig erfolgt solch eine Messung auch mit einer speziellen Scantechnik.

Für Sportler kann es sinnvoll sein, das eigene Bewegungsprofil mit einer ganzheitlichen Videolaufanalyse von einem Spezialisten beurteilen zu lassen. Geprüft wird dabei der gesamte Bewegungsablauf der unteren Extremitäten.

In seiner Praxis sieht er immer wieder Patienten, die nicht optimal versorgt wurden. Beispielsweise werde die von ihm verordnete Abstützung des Innenrandes bei der Einlage oft fehlplatziert oder sie sei zu weich und fange die Belastung des Mittelfußes nicht ausreichend auf.

Das kann schlichtweg ein Fehler in der Ausführung sein. Oder ein Ergebnis reduzierter Budgets: Die Krankenkassen erstatten bei speziellen Einlagen nur einen Teil der Kosten.

Viele Köche verderben den Brei

Orthopäde Thomas ist Befürworter von Einlagen ­– genauso wie Orthopädieschuhmachermeister Belling. Was beide jedoch nicht verstehen: Warum manche Krankenkassen so wenig Interesse daran zeigen, die Versorgungskette mit all ihren Mitspielern angemessen zu kontrollieren und wirksame Qualitätsstandards einzuführen. Nur so könne der Patient sicher sein, dass seine Einlage am Ende passt – darin sind sich Belling und Thomas einig. Dazu gehöre auch, dass eine versierte Fachkraft sich von der Passgenauigkeit der Einlage überzeugt.

Thomas würde seine Patienten am liebsten in Sanitätshäuser schicken, von denen er weiß, dass sie ihre Arbeit gut machen. Ein aktives Zuweisen ist ihm als Kassenarzt jedoch vertragsrechtlich untersagt. Fragt der Patient selbst nach, wird sein Arzt ihm nach bestem Wissen und Gewissen Auskunft zu empfehlenswerten Sanitätsfachgeschäften geben.